Zwangsvollstreckte Geldstrafe für sexistische Äußerungen in Rumänien

Der für rassistische und polulistische Äußerungen bekannte rumänische Europaparlamentsabgeordnete und Unternehmer George „Gigi“ Becali weigerte sich, eine gegen ihn verhängte Geldstrafe für sexistische Äußerungen zu zahlen – jetzt folgt die Zwangsvollstreckung.


Rumänische Behörden wollen offenbar kein Auge zudrücken. Der nationalistische Politiker und Finanzierer des FC Steaua Bucureşti „Gigi“ Becali hatte in der Antena-2-Sendung „Agentul VIP“ im April 2011 wiederholt frauenfeindliche und sexistische Bemerkungen fallen gelassen, wofür er vor einigen Tagen von der rumänischen Behörde namens „Nationalrat zur Bekämpfung von Diskriminierung“ (Consiliul Naţional pentru Combaterea Discriminării, Homepage) zu einer Geldstrafe von 2000 Lei (ca. 474€) verurteilt worden sein soll, wie das Nachrichtenportal hotnews.ro berichtet. Becali soll sich jedoch geweigert haben, diese Strafe zu zahlen. Das Bezirksrathaus des Sector 1 in Bukarest wurde letzte Woche angewiesen, die Geldstrafe zwangszuvollstrecken.

Die rumänische Medienaufsichtsbehörde „Consiliul Naţional al Audiovizualului“ (CNA, Homepage) sprach zudem eine öffentliche Rüge gegen den betreffenden TV-Sender Antena 2 aus. In der Rüge wurde neben den Äußerungen Becalis auch kritisiert, dass der Moderator der Sendung „Agentul VIP“ nicht adäquat auf Becalis Sexismus reagiert hätte. Das CNA sah in der ausgestrahlten Sendung einen Verstoß gegen das Verbot, Menschen aufgrund von „Rasse, Religion, Nationalität, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Etnie“ zu diskriminieren.

Untergrund-Gender

Der Ton macht die Musik


In der Berliner U-Bahn ist die weibliche Stimme von Ingrid Metz-Neun weit verbreitet für die Stations-Ansagen. Ich glaube, männliche Sprecher gibt es für die Stationen der U-Bahn in Berlin gar nicht. Aber: Einsteigen und Zurückbleiben werden von einer männlichen Stimme erbeten.


Bukarester Metrou, Bild-Linzenz: CC (Quelle: ro.wikipedia.org)


In der Bukarester Metrou werden die Warnung „Atenţie, se-nchid uşile!“ wie auch die Stationen von der gleichen, weiblichen, Stimme angesagt.

Die Verheißung zukünftiger Aufenthaltsorte wird einer Dame überlassen. Aber dem gemeinen Preußen wird nicht zugetraut, dass er sich auch von einer Frau bevormunden lässt. Da sind die Rumänen schon weiter …

Rumänien und die Madonna Roma

Ihr Bukarest-Konzert hätte so unspektakulär an allen vorbeigehen können. Aber dann fühlte sich ein Teil des Publikums (und nun offenbar auch Medien) auf den Schlips getreten, weil Madonna Intoleranz kritisierte.


Ich weiß nicht, wie das Madonna-Konzert vorgestern in Bukarest war. Ich war nicht dabei. Es gab wohl organisatorische Probleme. Für einige Zehntausend der 60.000 verschwand die Pop-Queen zeitweise hinter einer Wand von Bukarester Straßenstaub. Ärgerlich, denn Madonna ist nicht oft in der rumänischen Hauptstadt. Aber es gibt viel Interessanteres von dem Konzert zu berichten.

Madonna sprach bewusst ein Thema an, das nun auch die rumänische Presse bewegt. Offen verurteilte sie die Diskriminierung von Roma in Rumänien und erntete dafür spontane und deutliche Buh-Rufe aus dem Publikum:

„I’ve been paying attention to news-reports and it’s been brought to my attention that there is a lot of discrimination against Romanies and Gypsies in general, in Eastern Europe. And that makes me feel very sad. Because we don’t believe in discrimination against anyone. We believe in freedom and equal rights for everyone. Right? Gypsies, homosexuals, people who are different, everyone is equal – and should be treated with respect. Ok? Let’s not forget that.“

Dann setzten Geigen ein. Madonna machte weiter im Programm und überhörte das Missfallen. Was bleibt, ist die Verstörung. Im Publikum hatte niemand mit einer politischen Aussage der Künstlerin gerechnet, man wollte nur Spaß haben.

Es ist sicher nicht ganz unverständlich, dass sich das rumänische Publikum von der selbstinszenierten Weltretterin keine Unterrichtsstunden in Nächstenliebe geben lassen will. Madonna kennt Rumänien nicht, auch nicht „Eastern Europe“, außer vielleicht aus den „news-reports“. Aber sie ist nun mal ein Mensch und hat als dieser auch eine Meinung, die sie sagen kann, wo sie will – auch auf Arbeit.

nastase gandul

„Es war nicht der richtige Moment für so etwas.
Wir waren dort auf einem Konzert und hätten
uns also auch amüsieren müssen.“ Gândul


Der „Sportler“ Ilie Năstase nahm Madonnas Rassismus-Kritik offenbar nicht so sportlich, was Gândul eine Meldung wert ist. Der Journalist Cristian Tudor Popescu meint gar:

„Das ist eine Sache des Konsumentenschutzes. Der Konsument des von Madonna gelieferten künstlerisch-medialen Produktes hat dafür bezahlt, eine Show zu hören und zu sehen und nicht, um einem politischen Lehrgang beizuwohnen wie bei Ştefan Gheorghiu.“ (Gândul)


tudor popescu gandul

„Was die [***]ner und Homosexuellen betrifft, sollen sie doch Madamme Madonna innig lieben“ Gândul


Klar. Solange Madonnas Musiker und Tänzerinnen, unter ihnen auch Roma, fleißig den Konsumwunsch nach Unterhaltung bedienen, gibt’s Applaus. Aber sobald Madonna die faktisch nun einmal existierende Diskriminierung dieser Gruppe anspricht, macht sie sich unbeliebt. Wohlgemerkt nicht nur beim Publikum, sondern bei den Medien (Gândul ist nur ein Beispiel, die Reaktionen sind überall weitestgehend gleich). Man hat nichts gegen die Romni, solange sie nur tanzt. So funktioniert Zirkus ja nicht nur in Rumänien.

Der Wunsch an Madonna, ihre antirassistische Botschaft für sich zu behalten, wäre verständlicher, wenn in Rumänien wenigstens eine Auseinandersetzung über die Diskriminierung der Roma stattfinden würde. Aber da das nicht der Fall ist, kann diese mediale Erregung nur als Teil einer andauernden Tabuisierung des rumänischen Rassismus gesehen werden. Auch wenn es für Madonna kein großer Aufwand ist, die humane Missionarin zu spielen – die profanen Reflex-Reaktionen darauf zeigen, wie wenig man bereit ist, diese Ansage in Rumänien mal als Anlass für eine kritische Selbstbetrachtung zu nehmen. Madonna ist aber nicht die erste, die das erfahren muss.

In Deutschland braucht niemand den Zeigefinger nach Rumänien richten. Eine hier etablierte political correctness überdeckt den offenen Rassismus. Es ist nicht schick, über Roma zu hetzen, das heißt aber nicht, dass in Deutschland der Rassismus verschwunden ist, er ist nur unsichtbar. Die Alltagspräsenz rassistischer Vorurteile in Deutschland wird deutlich, wenn man sich die Tagesspiegel-Berichte über die Roma in Berlin zu Gemüte führt (Collage von Markus End: „Kokettes Berlin“ →pdf aus der Zeitschrift Hinterland) oder auch im Supermarktregal das Etikett so manch scharfer Sauce genau betrachtet. Madonna hätte also auch in Deutschland Grund, bei ihren Konzerten auf die alltäglichen Vorurteile gegenüber Sinti und Roma hinzuweisen. Sie müsste aber intensiver danach suchen. Beziehungsweise ihre Berater.

Dass Roma-Hass kein osteuropäisches Phänomen ist und hierzulande auch bis vor kurzer Zeit noch offener anzutreffen war, wurde in einer Diskussionsrunde im SWR2 am 24.8.2009 thematisiert.

Sowohl offener als auch latenter Rassismus müssen, zum Beispiel mit der Aufdeckung von Vorurteilen, bekämpft werden. Und wenn ein Weltstar die Bühne nutzt, um sich gegen Diskriminierung zu positionieren, kann das doch begrüßt werden. Ob das nur Teil der Selbstvermarktung ist, wird man nie ganz klären können. Die Diskussion ist eröffnet, mal sehen, wie sie weiter verläuft.

Neu-Auszählung der Stimmen in der Republik Moldau?

Emotionen, Zugeständnisse, Forderungen


update3: (7.4.09, 22:00 / MOL RO 23:00)
Es gibt keine Neuigkeiten, nur Bekundungen. Unter anderem auch die der Besorgnis aus der EU, was ja eine Pflicht ist.

Hotnews.ro postet unkommentiert den Satz „Bukarest 1989: erste im Fernsehen übertragene Revolution. Chisinau 2009: erste online übertragene Revolution“. Dieser direkte Vergleich ist äußerst fragwürdig, war Rumänien 1989 eine Diktatur und die Wahlen in der Republik Moldau vor drei Tagen zumindest im Großen und Ganzen von internationalen Beobachtern wie der OSZE als rechtmäßig durchgeführt bestätigt worden.

Aber anhand dieser aus twitter zitierten Parole zeigt sich, was für eine Rolle einem so unglaublich schnellen Medium wie dem Internet als Auslöser für soziale Unruhen zukommen kann. Denn dieser, sich in Windeseile verbreitende Spruch ist viel schneller vermittelt, als über ein Transparent, gerade von einer sonst seriös berichtenden Seite wie dem genannten Nachrichtenportal. Es ist beispielhaft dafür, wenn die Emotionen den Faktengehalt von Nachrichtenmeldungen überlagern.

Die Zerstörungswut einiger Demonstranten brachte den Ereignissen in Chişinău den vorletzten Platz in der heutigen 20-Uhr-Tagesschau. Immerhin boten die Ausschreitungen damit eine Gelegenheit, einigen Zuschauern mitzuteilen, dass am Sonntag in der Republik Moldau Parlamentswahlen stattfanden.

update2: (7.4.09, 20:00 / MOL RO 21:00)
Die Meldungen überschlagen sich und unterscheiden sich zunehmend, je nachdem, welche Quelle man nutzt. Fakt ist, dass die Polizei nicht zimperlich mit den Demonstranten umgeht. Die Regierung vermutet einen ernsthaften Putschversuch hinter den Protesten. Eltern wurden aufgerufen, ihre minderjährigen Kinder aus dem Stadtzentrum nach Hause zu nehmen. Verhaftungen von vermeintlichen Initiatoren finden auch statt, die Zahl der Verletzten soll bereits 100 übersteigen.

Der moldauische Botschafter wurde aus Bukarest abgezogen. Der rumänische Außenminister hat ein Statement zu den Entwicklungen in Chişinău angekündigt.

update: (7.4.09, 19:00 / MOL RO 20:00)
Nach Verhandlungen zwischen Opposition und Regierungspartei habe man sich laut ITAR-TASS auf eine Neuauszählung der Wählerstimmen geeinigt.

Eine der beiden liberalen Partei scheint mit der Einigung nicht einverstanden zu sein und fordert gänzliche Neuwahlen.

Die OSZE hat inzwischen die Gewalt „auf allen Seiten“ kritisiert. Auf der Seite wird auch ein 11-seitiger Untersuchungsbericht zu den Wahlen in der Republik Moldau in englischer Sprache als →pdf zum download angeboten.


Vor diesem Posting erschienene Meldungen siehe:
Proteste in der Republik Moldau nach den Wahlen

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