Jan Böhmermann: Rassistische Wortgewalt mit Reichweite

Jan Böhmermann hat sich disqualifiziert. Er verteidigt die Benutzung des N-Worts, er brüllt es förmlich raus, in mehreren Tweets in den letzten zwei Tagen. Er zeigt, was er kann.

Zwischen all den Medienmeldungen zu rassistischen Anschlägen schleudert er rassistische Wortgewalt in die Öffentlichkeit, um Aufmerksamkeit zu generieren. Auf dem Rücken Schwarzer Menschen versucht er sich zu profilieren und ein paar Favs vom weißdeutschen Publikum abzukassieren. Ich höre schon die weißen Feuilletonisten fragen was Satire darf, und ob die deutsche Sprache und Kultur in Gefahr sind. Und erklären, dass der Jan Böhmermann ein ganz netter lieber Kerl ist, der das auf gar keinen Fall böse meint und doch im innersten Herzen gar kein Rassist sein kann — auch wenn er ab und zu mal gern ein bisschen provoziert. Einer, den Millionen weiße Deutsche lieben können. Ein Medienprofi eben!

Unterhaltung in Deutschland. Mit einem rassistischen Begriff, der jahrhundertelange Respeklosigkeit, Gewalt und Verachtung gegenüber Schwarzen Menschen transportiert. Was für eine Kunst, diesen Begriff als weißer Deutscher so oft sagen zu können, wie er will. Was für eine Freiheit. Böhmermann reiht sich ein neben jenen weißdeutschen KünstlERn, die das Argument der Kunstfreiheit ignorant verdrehen, um rassistische Sprache für ihre funny jokes zu verwenden. Die Meinung derer, die von dieser Form der Gewalt betroffen sind, ist — wie immer in solchen Fällen — irrelevant. Deutscher Witz geht vor. Was für ein Signal, schon wieder in Verbindung mit dem ZDF.

Und hier gibt es einen Screenshot der genannten Böhmermann-Tweets in einem Tweet von @Stadtgespenst — N-Wort ausgeschrieben.

ruhbarone-Beitrag zum rassismuskritischen Glossar der Neuen Deutschen Medienmacher

Ein paar Gedanken zum ruhrbarone-Beitrag, in dem Julius Hagen über die rassismuskritische Handreichung der Neuen Deutschen Medienmacher (NDM) schreibt: Besagtes Glossar der NDM für weniger diskriminierende Sprache (um das es hier nicht geht) „sabotiert“ Hagens Meinung nach „eine freie und präzise Berichterstattung“. Die Begriffe aus dem rassismuskritischen Verzeichnis passen nicht, wenn „der Journalist die Hyperkomplexität der Wirklichkeit“ für einen „gelungenen Artikel“ reduzieren will, so Hagen. Mit anderen Worten, es ist nicht mehr der Journalismus, wie Hagen ihn mag, der mit den Begriffen der NDM gemacht werden kann. Wenn Hagen die sprachkritischen Vorschläge nicht annehmen möchte, macht das ja nichts. Wo ist das Problem?

Eigene Kritik Hagens an dem Leitfaden beschränkt sich auf vage Allgemeinplätze sowie subjektive Befürchtungen vor Veränderungen. Etwa spricht er von einer drohenden „Entfremdung“ zwischen Journalismus und Leser_innenschaft durch die „manierierten Sprachcodes der Neuen Deutschen Medienmacher“. Rassismuskritsche Sprachvorschläge könnten ja als „Vorwurf“ empfunden werden. (Was die von rassistischer Sprache Betroffenen angesichts manch deutscher Traditionsvokabel empfinden, erwägt Hagen nicht.) Schon sieht Hagen „eine zentrale Planung und Normierung von Sprache“ am Horizont und warnt, dass „der Anspruch auf bürgernahe Berichterstattung“ verloren gehe, wodurch Nazi-Blogs mehr Zulauf bekämen. Dieser Logik zufolge ist Rassismuskritik schädlich für die Bürgernähe: Trotzig wenden sich weiße Deutsche den Nazis zu. Hagen spricht vom „Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten und Rechtsradikalen“. Die Sorgen drehen sich um die Befindlichkeiten derer, die rassistische Sprache nutzen und von ihr profitieren. Wie gehabt.

Aber nicht nur die NDM drohen Deutschland zu überstrapazieren. Nebenbei holt Hagen gegen ganze wissenschaftliche Disziplinen aus, deren akademisches Vokabular die rassismuskritischen Begriffe erst hervorgebracht habe. Dass viele Begriffe eben nicht aus akademischen/elitären, sondern aktivistischen/emanzipatorischen Zusammenhängen stammen (und oft außerhalb Deutschlands bereits eine lange Geschichte haben), ist Hagen unbekannt oder interessiert ihn nicht. Er nennt die postcolonial studies, critical whiteness studies und gender studies, aber kritisiert deren Ansätze nicht, sondern klatscht zwei Quellen hin, laut denen die „Wissenschaftlichkeit“ dieser Disziplinen „hochumstritten“ sei. Meiner Erfahrung nach ist zum Beispiel der real existierende Kapitalismus auch hochumstritten, aber was ist das für eine Art, einfach zwei Buchtitel zum Beleg anzuführen, ohne auch nur einen Gedanken selbst nachzuvollziehen, auszuformulieren? Auf dem Niveau poltert Hagen. Und das zeigt sich auch an seinem antiquierten definitorischen Verständnis von Rassismus. Hagen scheint bei der Bearbeitung des Themas allein seinem Bauchgefühl gefolgt zu sein, seiner Sehnsucht nach einem „bürgernahen“ Journalismus.

Deutsches Journalismushäppchen ’89

Der rbb zeigt momentan anlässlich des Mauerfalls jeden Abend eine Ausgabe der Berliner Abendschau von 1989. Die historischen TV-Nachrichten des SFB (Sender Freies Berlin) geben Einblicke in die damaligen Prioritäten des Westberliner Fernsehsenders. (Mediathek: letzte sechs gezeigte Ausgaben „Abendschau vor 25 Jahren“, nach sieben Tagen depubliziert)

In der Abendschau vom 17.08.1989 bin ich auf einen ziemlich krasses Interview gestoßen: Die Moderatorin Angelika Neumann hat den Berliner Kriminaloberrat Winfried Roll zu Gast im Studio und bespricht mit ihm das Thema „Hütchenspiel“, über das die Abendschau am Vortag einen Beitrag hatte. Es geht um die Frage, wie wird „der ahnungslose Bürger“ diese „Hütchenspieler“ los und was kann die Polizei tun. Das Interview gibt einen Eindruck von der herrschenden Stimmung ein paar Wochen vor dem Mauerfall und von deutschem Journalismus in einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt Westberlins. Hier der Dialog:

Abendschau vom 17.08.1989 [15’09-18’50]
Angelika Neumann: „Manche sehen’s als Unterhaltungseinlage, wir als miesen Taschenspielertrick: das Hütchenspiel. Hauptsächlich am Ku’damm wird Ahnungslosen dabei das Geld aus der Tasche gezogen. Die Abendschau hat gestern darüber berichtet. [Einspieler 15’21-15’36] Kriminalität in City und Umgebung, was tut die Polizei dagegen?, meine erste Frage an Kriminaloberrat Winfried Roll.“
Winfried Roll: „Ja, das Problem der Hütchenspieler ist mit Sicherheit kein polizeiliches Problem allein. Es ist ein Problem, das Polizei, Ausländerbehörde und Justiz gemeinsam lösen sollten. Die Polizei hat da schon ein ganz erhebliches Stück Arbeit geleistet. Wir haben vor rund einem Jahr eine Sonderkommission eingerichtet, die AG Yugo, die sich nicht nur, aber auch, mit Straftaten dieses Täterkreises beschäftigt. Es sind weit über 110 Spieler namhaft gemacht worden, sie sind erkennungsdienstlich behandelt …“
A.N. [unterbricht]: „Warum werden die nicht verhaftet?“
W.R.: „Zum Verhaften bedarf es eines Haftbefehls und da zieht die Justiz im Moment noch nicht so mit. Es kommt ja nicht nur darauf an, diese kleinen Handlanger von der Straße wegzubekommen. Es scheint ja so zu sein, dass da etwas Organisationstypisches dahintersteckt und da wäre es vielleicht sinnvoll, an die Hintermänner heranzukommen.“
A.N.: „Also vielleicht doch ein Millionending und sie wollen durch die Handlanger vielleicht an die Bosse kommen. Dennoch werden tagtäglich Leute auf den Straßen unserer Stadt um ihr Geld erleichtert. Ist es da nicht möglich, dass man doch vielleicht, dass die Polizei ’n bisschen stärker eingreifen könnte?“
W.R.: „Die Polizei tut was sie kann. Wir setzen Zivilkräfte ein, wir setzen natürlich auch uniformierte Kräfte ein. Bloß, Sie haben vielleicht selbst gesehen, es ist nicht so leicht, derartige Spieler auf frischer Tat zu ertappen.“
A.N.: „Da liefern Sie mir ein gutes Stichwort Herr Roll. Durch unsere gestrige Sendung hat doch eigentlich die KriPo handfeste Beweise, wie die Kugeln, wir sehen das jetzt gerade [Einspieler], wie die Kugeln verschwinden in der Hand der Betrüger. Können Sie da denn nicht endlich jetzt mal dingfeste Geschichten machen, die Leute wirklich verhaften, denn es ist ja wirklich, man sieht es doch.“
W.R.: „Ja. Dass und wie betrogen wird, weiß die Polizei. Wir haben auch Aussagen von Zeugen, von Polizeibeamten als Zeugen, von geschädigten Zeugen. Dieses alles genügt aber nicht, um die Hütchenspieler von der Straße weg zu verhaften, wir …“
A.N. [unterbricht]: „Was muss es denn da noch?“
W.R.: „Äh, dieses Delikt ist scheinbar für sich alleine nicht ausreichend, um Haftgründe zu erkennen. Erst wenn man diesen Spielkomplex im Großen und Ganzen sieht wird sich wahrscheinlich etwas ändern.“
A.N.: „Her Roll, jeder, der Eis, Streichhölzer oder was ganz anderes am Ku’damm verkaufen möchte, der braucht doch eigentlich einen Gewerbeschein. Wäre das nicht eine Möglichkeit, um so diesen Betrügern das Handwerk zu legen?“
W.R.: „Auch dieser Ansatz ist geprüft worden. Etwa, dass man diese Ausländer, die hier bei uns sind, auf dem Gebiet des Ausländerrechts, nämlich durch unbefugte Gewerbeerlaubnis zur Verantwortung zieht. Aber immer, wenn diese Täter merken, dass die Behörden jetzt ernst machen, dann gibt es immernoch das Zauberwort Asyl, so dass sie etwa nicht ausgewiesen werden können.“
A.N.: „Also ist der ahnungslose Bürger, ich sag das mal ein bisschen provokativ, eigentlich diesen Betrügern ausgeliefert? Er kann gar nichts machen? Kann die Polizei wirklich nicht helfen? Können Sie nicht hingehen und sagen, wir nehmen jetzt alle fest?“
W.R.: „Wir gehen jeder Strafanzeige nach. Der Bürger kann sich natürlich schützen, indem er nicht ahnungslos ist. Er ist gewarnt, nicht nur durch diese Sendung, sondern auch durch zahlreiche Presseveröffentlichungen. Wer hütchenspielt wird betrogen, deshalb Finger weg vom Hütchenspiel.“
A.N.: „Gut, ich bedanke mich für diese Information bei Winfried Roll. Im Anschluss weitere Nachrichten der Abendschau.“

Vielleicht kommt mir dieses Interview nur so drastisch vor, weil es inzwischen ja ein zeitgeschichtliches Dokument ist und wahrscheinlich lassen sich solche Beispiele auch in der Gegenwart finden. Das einzige, worum es in dem Gespräch geht ist die Frage, wie und wann die hütchenspielenden Menschen verhaftet werden können. „Der ahnungslose Bürger“ (Neumann) wird von einer skrupellosen Trickbetrügerei bedroht, für die laut Roll „Ausländer“ verantwortlich sind. Und so dauert es nicht lange, bis das penetrante Nachfragen der Moderatorin nach Möglichkeiten der „Verhaftung“ zum zentralen Punkt führt: die Polizei prüfe natürlich alle Optionen, von denen, wie praktisch, auch das „Ausländerrecht“ so einige bietet. Wenn der unbescholtene Streichhölzenverkäufer vom Ku’damm einen Gewerbeschein braucht, dann wird doch wohl so ein tricksender Ausländer mal abgeschoben werden können? Vom Gewerberecht über die „nicht so mit[ziehende Justiz]“ (Roll) hin zur Opton der Ausweisung – und Tatverdächtige einfach als „Täter“ (Roll) bezeichnet – das ist eine Leistung für so ein kurzes ö.r. TV-Interview. Dennoch, liebe deutsche „ahnungslose Bürger“ (Neumann), ihr seid weiter „diesen Betrügern ausgeliefert“ (Neumann), denn es gibt das „Zauberwort Asyl“ (Roll)! So eine Formulierung eines leitenden Polizeibeamten in der Öffentlichkeit lässt erahnen, wie erst die Stimmung in der „AG Yugo“ gewesen sein muss.

Das war: Ein Gespräch zwischen einer öffentlich-rechtlich eingesetzten Journalistin und einem leitenden Polizeibeamten in Westberlin kurz vor dem Mauerfall, für die Stimmung sorgte die westdeutsche Normalität bzw. der im TV öffentlich zur Schau gestellte Ausschnitt davon.

1993 schafft das „wiedervereinigte“ Deutschland die bis dato geltende Asylgesetzgebung der BRD ab.

Rettet rassistische Begriffe! Die Mission des Peter Hahne

Der Verlag Bastei-Lübbe hat kürlich ein Buch von BamS-Kolumnist Peter Hahne veröffentlicht. Im Buchtitel verwendet Hahne die rassistische Fremdbezeichnung für Sinti und Roma zur Bezeichnung einer Speise. Nicht nur das: Diese Bezeichnung zu „retten“ fordert Hahne im Titel. Mit Ausrufezeichen. Im Untertitel „Empörung gegen den täglichen Schwachsinn. Werte, die wichtig sind“ wird der Vorgeschmack auf die Richtung der Lektüre verfeinert.

Vielleicht verspricht sich der Verlag Bastei-Lübbe (der u.a. für auflagenstarke Groschenromane in der Nachkriegszeit bekannt ist) mit Blick auf andere aktuelle deutsche rassistische Bestseller eine große Leser_innenschaft dank eines derartigen Titels. Aufmerksamkeitsgenerierung durch Provokation mittels rassistischer Sprache? Deutschland. Immernoch.

Im Nachschlagewerk über rassistische Sprache schreibt Isidora Randjelovic über den betreffenden, von Hahne verwendeten Begriff (TW: Begriff wird zitiert):

„Eine begriffsgeschichtliche Aufladung des Terminus ›Zigeuner_in‹, die mit dem Rückgriff auf tradierte Stereotype und rassistische Images einhergeht sowie diskriminierende Bedeutungsinhalte gleichermaßen reproduziert wie verfestigt, ist auch im deutschsprachigen Raum zu konstatieren. Da es sich hierbei um Konstruktionen handelt, die vornehmlich dominanten mehrheitsgesellschaftlichen Strukturen entspringen, spiegeln diese einen in der Mainstream-Gesellschaft verankerten herrschenden Konsens wider und verweisen auf zahlreiche, an den entsprechenden Herstellungsprozessen dauerhaft beteiligte Subjekte: Chronist_innen/ Historiker_innen, Verantwortliche diverser Ordnungsapparate, die in engem Austausch mit Sozial- und Naturwissenschaftler_innen standen, Repräsentant_innen der Literatur- und Musikindustrie sowie der Medien. Die mehrheitsgesellschaftlich sanktionierte, noch immer nahezu ungebrochene Ausformung des ›Zigeuner‹-Begriffes ist außerdem darauf zurückzuführen, dass Roma und Sinti bislang der Zugang zu wissensarchivierenden Strukturen fehlte bzw. verweigert wurde.“¹

Die Verwendung rassistischer Sprache ist verletzend und bildet den Kitt für rassistische Dominanzverhältnisse. Der weiße Deutsche Peter Hahne ist so frei und fordert auf dem Titel seines neuen Buches auf, einen Teil dieses rassistischen Werkzeugs zu retten. Der Verlag Bastei-Lübbe hat ihn bei dieser Mission bereits wesentlich weiter gebracht.

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¹ Randjelovic, Isidora: ›Zigeuner_in‹, in: Susan Arndt & Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht, Münster, 2011, S.671-677. (Inhalt und Vorwort)

„ein Handwerksmeister, eine Migrantin und eine Unternehmerin“

Am Dienstag (17.6.2014) lud Thomas de Mazière ins Innenministerium zum Gespräch einige Gäste ein, die stellvertretend für den im deutschen Vergleich geburtenstarken Jahrgang 1964 stehen sollten. Dieses symbolische Treffen war der Berliner Zeitung gestern (18.6.2014) einen dreispaltigen Kurzbericht unten auf der Titelseite wert.

Aber nicht die Frage nach der Titelseitenrelevanz eines solchen Aktes von Symbolpolitik, sondern etwas anderes im Text selbst stieß mir unangenehm auf: Nämlich der Versuch, die Unterschiedlichkeit der eingeladenen Menschen zu betonen. So heißt es in dem Text der Berliner Zeitung:

„Der CDU-Politiker hatte etwa ein Dutzend Vertreter des Jahrgangs 1964 in sein Haus gebeten […]. Eine Bundespolizistin war darunter, ein Handwerksmeister, eine Migrantin und eine Unternehmerin.“¹


Fotografierte Titelseite der Berliner Zeitung vom 18.06.2014


Diese Aufzählung gibt Auskunft über eine herrschende Praxis ungleicher Identitätszuschreibung: Während drei der im Text genannten Gäste über ihre Berufe klassifiziert werden (Polizei, Handwerk, Unternehmen) wird eine Person über ein „Migrantin“-Sein definiert. Vom BMI kommt dieses Label nicht, auf der offiziellen Liste des Ministeriums mit den 11 geladenen Gästen ist nirgends von einer Migrantin die Rede, sondern nur von unterschiedlichen Berufen. Dennoch scheint es dem Autor des Zeitungstextes ein Anliegen zu sein, eine der geladenen Personen als „Migrantin“ zu labeln.

Die bewusste (wenn auch sicherlich nicht böse gemeinte) Bezeichnung eines der Gäste als „Migrantin“ gegenüber drei anderen Einordnungen nach Berufen zeigt die Besonderheit, die Abweichung, die mit diesem Begriff transportiert wird: Als sei das Label „Migrantin“ ein Unterscheidungsmerkmal per se, das sich von den Berufsbezeichnungen Bundespolizistin, Unternehmerin oder Handwerker abgrenzen lässt. Selbst wenn die im Zeitungstext aufgezählte Person also auch eine Bundespolizsitin, eine Unternehmerin oder eine Handwerkerin wäre, wird sie dennoch als „Migrantin“ erwähnt, und nicht mit ihrer Berufsbezeichnung.

Genau so funktioniert dieser Begriff. In einem Nachschlagewerk zu Rassismus in der deutschen Sprache heißt es zu „Migrant_in“:

„Als Fremdbezeichnung von außen, etwa durch Mitbürger_innen ohne Migrationshintergrund […] dient der Begriff ›Migrant_in‹, analog zu ›Gastarbeiter‹_in oder ›Mitbürger_in mit Migrationshintergrund‹ […] der Stigmatisierung und dem Verweis auf einen Platz außerhalb der Dominanzgesellschaft.
[…]
Rassifizierende Markierungen als ›anders‹ und ›fremd‹ sollen mit der Vokabel ›Migrant_in‹, die vorgibt, objektiv oder zumindest neutral und damit belastbar zu sein, in eine legitime Form der Klassifizierung überführt werden. Deswegen gilt sie […] logischerweise auch für PoC, die in Deutschland geboren sind. Und zwar zeitlos.“²

Die Aufzählung in dem Zeitungstext, in der allein einer von vier Personen statt eines Berufs das Label „Migrantin“ zugeordnet wird, veranschaulicht die in der Definition genannte Ausschlussfunktion des Begriffs. Der Zuschreibung als „Migrantin“ wird eine größere Bedeutung beigemessen, als ihrer beruflichen Identität. Eine Differenzierung nach sozialen/beruflichen Kategorien bleibt allein den nicht als „Migrant_in“ gelesenen (weißen, nicht rassifizierten) Menschen vorbehalten, der/dem „Migrant_in“ hingegen verwehrt.

Im vorgestellten Beispiel erfolgt die Ausschlusshandlung durch die Anwendung des Begriffs „Migrant_in“ als Fremdbezeichnung auf der Titelseite der Berliner Zeitung. Das ist ganz sicher kein Einzelfall. Auf eine Sensibilisierung für rassistischen Sprachgebrauch im deutschen Journalismus weist dieses Beispiel nicht hin.

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¹ Decker, Markus: „Die 64er“, in: Berliner Zeitung vom 18.06.2014, Titelseite.
² Sow, Noah: Migrant, in: Susan Arndt & Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht, Münster, 2011, S.444. (Inhalt und Vorwort)