Jan Böhmermann: Rassistische Wortgewalt mit Reichweite

Jan Böhmermann hat sich disqualifiziert. Er verteidigt die Benutzung des N-Worts, er brüllt es förmlich raus, in mehreren Tweets in den letzten zwei Tagen. Er zeigt, was er kann.

Zwischen all den Medienmeldungen zu rassistischen Anschlägen schleudert er rassistische Wortgewalt in die Öffentlichkeit, um Aufmerksamkeit zu generieren. Auf dem Rücken Schwarzer Menschen versucht er sich zu profilieren und ein paar Favs vom weißdeutschen Publikum abzukassieren. Ich höre schon die weißen Feuilletonisten fragen was Satire darf, und ob die deutsche Sprache und Kultur in Gefahr sind. Und erklären, dass der Jan Böhmermann ein ganz netter lieber Kerl ist, der das auf gar keinen Fall böse meint und doch im innersten Herzen gar kein Rassist sein kann — auch wenn er ab und zu mal gern ein bisschen provoziert. Einer, den Millionen weiße Deutsche lieben können. Ein Medienprofi eben!

Unterhaltung in Deutschland. Mit einem rassistischen Begriff, der jahrhundertelange Respeklosigkeit, Gewalt und Verachtung gegenüber Schwarzen Menschen transportiert. Was für eine Kunst, diesen Begriff als weißer Deutscher so oft sagen zu können, wie er will. Was für eine Freiheit. Böhmermann reiht sich ein neben jenen weißdeutschen KünstlERn, die das Argument der Kunstfreiheit ignorant verdrehen, um rassistische Sprache für ihre funny jokes zu verwenden. Die Meinung derer, die von dieser Form der Gewalt betroffen sind, ist — wie immer in solchen Fällen — irrelevant. Deutscher Witz geht vor. Was für ein Signal, schon wieder in Verbindung mit dem ZDF.

https://twitter.com/Afrogermanrebel/status/639062626337746944

Und hier gibt es einen Screenshot der genannten Böhmermann-Tweets in einem Tweet von @Stadtgespenst — N-Wort ausgeschrieben.

Vier Regeln zum korrekten deutschen Umgang mit Rassismus

Den öffentlich-rechtlichen Aufruf zum Blackfacing in der Wetten Dass …? Sendung letzten Sonntag beantwortet die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland mit einem Offenen Brief an Markus Lanz und das ZDF. Der Verein zeigt sich in dem Brief schockiert von dieser rassistischen Praxis im deutschen Fernsehen.

Dieses Verhalten verstößt gegen einige Gepflogenheiten. Viel zu schnell wird hier wieder die Rassismus-Keule geschwungen! Wenn Sie auch von den ganzen Rassismus-Vorwürfen genervt sind, halten Sie sich einfach an diese vier Regeln zum korrekten deutschen Umgang mit Rassismus:

1) Deutschland als Ausnahme verstehen! Handlungen, die außerhalb Deutschlands eindeutig als rassistisch erkannt werden (z.B. Blackface), sind in Deutschland nicht ZWANGSLÄUFIG Rassismus. Das ist einfach so, denn hier ist Deutschland. Von Rassismus betroffene Menschen brauchen dazu nicht gehört werden, weil ihre Meinung als Betroffene von Rassismus stark emotionalisiert ist. Und Menschen, die sich mit Rassismus beruflich/fachlich/wissenschaftlich beschäftigen, brauchen nicht gehört werden, weil sie elitär sind und keine Ahnung vom wahren Leben haben. In Deutschland entscheidet die Mehrheit darüber, was Rassismus ist!

2) Das Wort Rassismus vermeiden! Falls es in der postnationalsozialistischen Gesellschaft doch mal zu Vorfällen kommen SOLLTE, die ganz entfernt an Rassismus erinnern, dann bietet das Land der zusammengesetzten Substantive prima Ausweich-Termini wie z.B. „Fremden-Hass“, „Ausländer_innen-Feindlichkeit“ oder „Überfremdungs-Angst“. Das praktische an diesen Worten ist: sie lenken die Aufmerksamkeit auf die vermeintlich „Fremden/Ausländer_innen“ und festigen damit die Differenzierung und den Ausschluss derer, die von Rassismus betroffen sind — und lenken so prima vom eigentlichen Problem Rassismus ab.

3) Journalistische Vorbehalte zur Deutungshoheit von Rassismus bewahren! Menschen, die von Rassismus betroffen sind oder sich fachlich damit auskennen (oder sogar beides) halten sich blöderweise oft nicht an Regel 1 und 2. Wichtig, insbesondere im objektiven journalistischen Umgang mit solchen ewig-Moralisierenden ist nun Ruhe zu bewahren und sich nicht von der Rassismus-Keule beeindrucken zu lassen: Auf KEINEN Fall den Begriff Rassismus übernehmen, sondern von Rassismus-Vorwürfen sprechen! Sie sind in der Position objektiver Berichterstattung und müssen irgendwann, wenn Sie mal Zeit haben, erstmal ganz gründlich prüfen, ob diese Rassismus-Vorwürfe überhaupt zutreffen. Geben Sie auf keinen Fall die Deutungsmacht darüber, was Rassismus ist, an diejenigen ab, die davon betroffen sind oder sich damit fachlich auskennen (siehe Regel 1). Im Zweifel fragen sie einfach eine weiße deutsche Person, am besten ein politisches Urgestein, ob die Rassismus-Vorwürfe tatsächlich haltbar sind. Von Rassismus betroffene Menschen können Sie ja in einer Doku über die NS-Zeit oder zum Tod von Nelson Mandela zu Wort kommen lassen, aber ja wohl nicht zu zeitgenössischem Rassismus in Deutschland.

4) Rassismus-Vorwürfe kontern! Es besteht die leider immer wahrscheinlicher werdende Gefahr, einmal selbst von Rassismus-Vorwürfen betroffen zu sein. Der schlimmste Fall ist wohl, als weißer Mensch von einer nicht-weißen Person auf eine rassistische Handlung aufmerksam gemacht zu werden. Das kann wirklich ganz schön verletzend sein. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten zur Reaktion, auf jeden Fall lassen Sie sich NICHT auf Erklärungen ein, warum eine Ihrer Handlungen als rassistisch empfunden wird. Rassismus-Vorwürfe sind in Deutschland ein No Go und Sie haben es nicht nötig, die erfolgreiche deutsche Aufarbeitungspolitik und den Umgang der deutschen Gesellschaft mit Rassismus zu hinterfragen, indem Sie selbstkritisch Ihre Handlungen auf rassistische Spuren untersuchen! Darum: Werfen Sie zum Beispiel Ihrem Gegenüber einfach ebenfalls Rassismus vor. Soll sie_er mal sehen, wie sich das anfühlt! Oder verweisen Sie auf ihren „bunten“ oder „Multikulti“-Freundeskreis oder ihre Nachbarschaft, ihre Toleranz oder ihren letzten Urlaubsort, irgendwas. Ansonsten sagen Sie einfach, dass es nicht so gemeint war. Das KANN nicht ignoriert werden, denn NUR wenn Sie es so meinen, dann kann etwas Rassismus sein.

Wenn Sie diese Regeln beachten, kann Deutschland als einziger Kolonialmacht-Nachfolgestaat mit nationalsozialistischer Entgleisung ein mehrheitlich von weißen Menschen bewohntes Land bleiben, in dem Rassismus soooo dolle jetzt erstmal nicht anzutreffen ist. (Also abgesehen natürlich von ein paar mordenden Jugendlichen. Mit denen haben Sie aber nichts zu tun, denn DIE sind ja wirklich rassistisch. Sagen die ja selbst.) Viel Glück!

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Weiterlesen zum konkreten Vorfall im ZDF:

  • Alis Afrika-Blog: Aber IHR macht Jim Knopf zum Opfer!
  • les flaneurs: Wetten, dass… Blackfacing rassistisch ist?
  • Edition Assemblage: ISD ist Schockiert über die Saalwette der Wettendass-Sendung in Augsburg
  • … und als Einstieg zum Thema Rassismus in Deutschland:

  • Blackface in Germany — Eine kurze Geschichte der Ignoranz oder der Anfang von Bühnenwatch
  • der braune mob e.V.: Informationen für Presse und Öffentlichkeit / FAQ zu Rassismus
  • Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiss
  • Arndt/Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht
  • Nduka-Agwu/Hornscheidt (Hg.): Rassismus auf gut Deutsch [amazon-Link]
  • Rassistischer Witz bei Wetten Dass + 2 Nachträge

    Naja. Passiert. Eben trat der Witze-Reißer „Atze Schröder“ bei Wetten Dass als Co-Moderator auf und brachte im Rahmen dieser Tätigkeit einen rassistischen Spruch über die Lippen als sich ein italienischer Gast der Sendung auf ein kleines Vehikel setzte — sinngemäß: „Naja, typisch Italiener, wenn die ein Auto sehen, dann müssen die das klauen.“

    Ich kann mir bereits die Rechtfertigungen vorstellen: „Das ist ja Humor, da geht sowas ja. Das war ja nicht böse gemeint. Ach Gott rassistisch, oh nein, um Himmels Willen“ Und so weiter. Genau das ist das Problem: Der alltägliche Rassismus in diesem Land ist dermaßen verbreitet, dass ein rassistischer Witz in einer Sendung mit Millionenpublikum im öffentlich-rechtlichen Fernsehen einfach keine_n mehr vom Hocker reißt. Deutschland hat ein Problem. Und das heißt Rassismus.

    [Sobald die Sendung in der Mediathek online ist, verlinke ich die betreffende Stelle hier.] Sendung wird wohl nicht komplett online gestellt.

    Nachtrag:
    (als Reaktion auf einige Tweets)

    Es gibt keine Rassen. Innerhalb der Ideologie des Rassismus aber werden rassifizierte Gruppen (re)konstruiert. „Die Italiener“ Alle mit „die Italiener“ gemeinten Menschen sind es in diesem Beispiel, denen eine kollektive Eigenschaft im Zusammenhang mit einem Italiener-Sein zugeschrieben wird.

    Nachtrag 2:

    Als Einstieg >> 1.Rassismus: Eine Definition (Terkessidis, Mark: Die Banalität des Rassismus — Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive, transcript Bielefeld, 2004, Kapitel 2: Methodologie der Rassismusforschung, S.98ff)

    Parteien-Diss in Video-Form

    Antwort auf den Grünen-Diss der CSU


    Den Anfang machte ein Video namens „Ein Blick hinter die Kulissen der Grünen“, in dem das Protestverhalten (als vermeintlich typisch grünes Merkmal) im Namen der CSU diskreditiert und lächerlich gemacht wird. Im Neusprech: die CSU hat versucht, die Grünen zu dissen.

    Obwohl ich mich absolut nicht mit den Grünen (Partei) identifiziere scheint mir die CSU-Produktion nicht mal geschmacklos, sondern einfach billig à la unterste Schublade. Das fand man wohl auch bei der ZDF-heute-Show, in der gestern ein Antwort-Diss-Clip namens „Hinter den Kulissen der CSU“ ausgestrahlt wurde.

    Hier beide Clips (Man sieht zuerst den von der CSU gemachten Spot und nach kurzer Zwischenmoderation von Oliver Welke die Antwort der heute-show):
    http://www.youtube.com/watch?v=Bgswc-B2kWg