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Ja, diese Shitstorm-Community

Als Journalist könnte man sich vom “Internet” eine Portion Humor abschneiden


Die wesentliche Unterscheidung zwischen Bloggern und Journalisten ergibt sich wohl zuallererst aus der Selbstzuschreibung in den Köpfen der Autoren beider Varianten. Viele Menschen ohne journalistische Ausbildung können als (Mikro)blogger zum Beispiel auf den sozial unterkühlten Tweet von Kristina Schröder reagieren (ohne sich Journalisten nennen zu müssen). Die digitale Äußerung der Familienministerin ist fast vier Tage alt und trotzdem noch immer ein angesagtes Thema in den Weiten des deutschsprachigen Webs, weil Menschen mit einer eigenen Meinung nicht auf den guten Willen einer Redaktion angewiesen sind.

Gestern waren die Meinungen und Reaktionen zu Frau Schröders Tweet dem großen Nachrichtenportal Spiegel Online einen Artikel wert. Und in diesem Artikel bastelt Florian Gathmann fleißig am Kopfkunstrukt der Zweiteilung zwischen Blogosphäre und Journalismus. Ein Merkmal dieser Bastelei ist, wie angestrengt sie wirkt.

“Die Community schlägt zurück”, leitet Gathmann seinen Artikel ein. “Community” ist ein, wenn auch harmloser, aber klar abgrenzender Begriff, unter dem (Zehn?)Tausende verschiedenster Menschen, die auf Krisitna Schröders Äußerung reagierten, zusammengefasst werden sollen. Dieser Begriff erinnert an Christian Wulffs Homepage, auf der man bis vor kurzem noch mit “Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Internetnutzer” begrüßt wurde: als bestünde die Welt aus Menschen einerseits und “Internetusern” andererseits.

Statt “Community” könnte Gathmann einfach “Menschen” schreiben, aber dann würde ja klar werden, dass das Internet von eben diesen Menschen nur als Hilfsmittel zur Äußerung der eigenen Meinung genutzt wird, mehr nicht. Die Kreation eines “zurückschlagenden” Gespenstes namens “Internet-Community” versucht die komplexe Erscheinung der über die Welt verstreuten, allein denkenden und handelnden Menschen auf das Bild einer “Interessengruppe” herunterzubrechen. Florian Gathmann stellt “Internetuser” so als eine homogene, gleichgeschaltet handelnde Gruppe dar.

Wenn Gathmann dann den Begriff “Shitstorm” zu übersetzen versucht und Phänomene aus “der Szene” beschreibt, wird peinlich deutlich, wie fremd diese “Internetwelt” ihm doch sein muss. Bemerkt Gathmann, wie komisch es anmutet, wenn er sich den Spiegel-Online-Lesern hier als szenekundiger Experte verkauft? Als hätte er sich heimlich eingeschlichen, in diese “Internet-Community”.

Gathmanns Vokabular ist nötig, wenn man einen Insider-Bericht über die rauhe Welt des Internets verfassen möchte. In diese Wahrnehmung gehört auch, die kritischen Mikroblog-Reaktionen auf Beschimpfungen zu reduzieren. Hätte Gathmann etwas tiefere Einblicke in die “Szene” zugelassen, dann wäre er auf die schöne Tweet-Sammlung im Marx-Blog gestoßen, die den Humor und die Kreativität zeigt, mit der Schröders Äußerungen satirisch verarbeitet wurden. Aber so gibt Gathmann nur einen Einblick in seine bierernste “Community”-Wahrnehmung.

Der Ernst und die Humorlosigkeit sind auch der Grund für den schönen Fehler, der Gathmann unterlief: Bei seiner Twitter-Recherche stieß er auf den klar als Satire erkennbaren Fake-Account Dr_KSchroeder (jetzt: Die_Schroeder), der als Reaktion zu Schröders Äußerungen entstand und die Positionen der CDU-Ministerin karikiert. Aber weil die echte Kristina Schröder auf ihrem Account seit ihren umstrittenen Äußerungen nichts mehr getwittert hatte, hielt Gathmann fälschlicherweise den Satire-Account für den neuen echten Account der Familienministerin (und berichtete das, siehe letzte Zeilen im Screenshot). In seiner Ironieblindheit hatte der Autor offenbar die Tweets gar nicht richtig gelesen und auch die Profilbeschreibung “Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und so Gedöns” einfach ignoriert. Recherche- und Humorfreiheit in One.

“Dr_KSchroeder” (inzwischen “Die_Schroeder”) bedankte sich bei Spiegel Online für die neuen Follower.

Würde Herr Gathmann sich selbst nicht so viel ernster nehmen, als die Menschen, über die er in seinem Artikel schreibt (“Community”), würde er außerdem selbst etwas Humor an den Tag legen und nicht mit irgendwelchen Begrifflichkeiten (“Szene”) Menschen zu Sonderlingen machen, dann wäre ihm dieser selbstenttarnende Fehler vielleicht nicht passiert.

Überheblichkeit ist eigentlich bei keinem Menschen gerechtfertigt, erst recht nicht bei einem Journalisten gegenüber Bloggern aus der “Community”, wie vielleicht gestern an Gathmanns Fehler deutlich wurde. Dass der Fehler zunächst kommentarlos beseitigt worden war und es eine Stunde dauerte, bis der Autor einen Kommentar über die nachträgliche Änderung einfügte, war keine Überraschung. Immerhin, der Fehler wurde dann von Gathmann eingestanden. (Eine “Community”-Einrichtung wie BILDblog hat vielleicht doch schon zu einem kleinen Einstellungswandel geführt.)

Die zwei spannendsten (aber sehr befremdlichen) Erkenntnisse nach diesem Artikel samt Drumherum sind für mich:
1. Der intensive Eindruck vom krampfhaften Festhalten eines (Spiegel-)Online-Journalisten an seiner Distanzierung von dem “Internet” mit dessen “Community” sowie
2. die Ignoranz gegenüber dem vielfältigen “Community”-Humor – die dem Autor dann auch das Bein stellte.

Ich bin gespannt, ob Florian Gathmann seinem lustigen Reinfall und den Reaktionen bei Twitter auf seinen Artikel einen neuen widmen wird.

(Eine Sekunde lang dachte ich übrigens, Florian Gathmann habe Humor und die Erwähnung des Fake-Accounts sei Satire. Genz ehrlich.)

Und um jetzt zu zeigen, wie böse, unanständig, frech, respektlos, verbittert und aufmüpfig die verrückte Internet-Raufbanden-Community zurückschlagen kann, seien hier ein paar der bei Fefes Blog eingesendeten Bild-Remixe zu Kristina Schröders Tweet präsentiert:

Diese Bilder und mehr hier bei Fefe. Lesenswert ist auch der neue Beitrag von Jörg Marx.

Und: Beitrag bei news.de (Internet zerfleischt Familienministerin)

update:
Der Twitter-Account Dr_KSchroeder existiert nicht mehr. So schnell endet ein Medienleben. Eben noch bei Spiegel Online, jetzt im digitalen Grab. >>> Doch, existiert wieder, aber als Die_Schroeder.

Presserat rät rätselhaft

Die institutionalisierte Hüterin der Presse-Moral trifft hier und da seltsame Entscheidungen



Wenn Uwe Klußmann bei Spiegel Online (und zwar im Ressort Politik) den “Z***baron” aus der Klischee-Kiste holt, um einen ausländischen Politiker moralisch abzuwerten, so hält das der Deutsche Presserat für einen legitimen “musikhistorisch-literarischen” Vergleich und nicht für Rassismus. Wenn dann das Satiremagazin Titanic seinen Job macht und den Presserummel um Robert Enkes Suizid treffend karrikiert, dann sei das ein Verstoß gegen die Menschenwürde.

Diese Entscheidungen des Presserats sind die eigentliche Satire. Aber sicher unbeabsichtigte.

Z***baron, Judenzins und N***kuss

Für den Deutschen Presserat ist die Bezeichnung “Z***baron” nicht diskriminierend, sondern ein “musikhistorisch-literarischer Vergleich”.


In Uwe Klußmanns Artikel zur politischen Lage in der Republik Moldova vom April 2009, Europas Armenhaus wird zwischen Ost und West zerrieben, war mir die Verwendung rassistischer Stereotype unangenehm aufgestoßen (Medien machen Moldau). Im Zusammenhang mit der Korruption des “Familienclans um den Präsidenten Wladimir Woronin” vergleicht er diesen mit einem “Z***baron”. Begriffe wie “Woronin-Clan”, “clevere KP-Ideologen” und ihre “Taschenspieler-Art” bestimmen die persönliche Note Klußmanns zur Beschreibung der politischen Lage in Moldova.


Screenshot von: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,619586,00.html


Insbesondere die Bezeichnung “Z***baron” trägt in dem Zusammenhang eine rassistische Konotation. Die von Klußmann aufgeführten negativen Eigenschaften Woronins (Misswirtschaft, Korruption, Clanstruktur, Bonzentum) werden mit einem ethnischen Attribut versehen. Wohlgemerkt geht es gar nicht um Roma in dem Artikel, sondern um einen Menschen, der als schlecht dargestellt werden soll – hierfür appelliert Klußmann mit dem Begriff “Z***” an die beim Leser vermuteten Vorurteile. (Ein Franzosenbaron oder Schwedenkönig etwa würde die erwarteten Assoziationen nicht erbringen).

Der Deutsche Presserat, die moralische Hüterin journalistischer Standards in Deutschland, ist anderer Meinung. Im Antwortschreiben auf meine Beschwerde zum Klußmann-Artikel heißt es:

“Der Autor verwendet einen musikhistorisch-literarischen Vergleich: Der amtierende Präsident Wladimir Woronin als “Z***baron”. Der Vergleich mag unglücklich gewesen sein, eine Herabsetzung aller mit “Z***” umschriebenen Angehörigen der Gruppe der Roma enthält er allerdings nicht.”

Die “musikhistorisch-literarische” Aufladung des “Z***baron”-Vergleichs ergibt sich für den Presserat scheinbar aus der gleichnamigen Strauss-Operette. Dass die Verwendung des Begriffs dadurch weniger rassistisch wird, glaube ich nicht. Im Gegenteil: Brigitte Mihok und Peter Widmann beschäftigen sich mit den fest etablierten, traditionellen Vorurteilen gegenüber “Z***”. Diese Geschichte eines europäischen Rassismus ist weit mehr als nur “unglücklich”

Weil ein rassistisches Stereotyp eine literarische oder “musikhistorische” Tradition hat, ist es keinesfalls weniger rassistisch. Oder würde man bei Spiegel-TV “Zehn Kleine N****” als Vergleich für irgendeine Situation heranziehen, nur weil es ein traditionelles Lied ist?

Der N***kuss ist aus den Läden verschwunden. Die Z***sauce noch nicht. In diesem Sinne repräsentiert der Presserat den gegenwärtigen Umgang mit rassistischer Bildsprache.

Würden Begriffe wie “Judenzins” und “Wucherer” in einem antisemitischen Artikel zur Finanzkrise vom Presserat gerügt werden? Oder rassistische Begriffe wie “Kanakenbande” und “N***kriminalität”, wenn es um Polizeistatistiken geht? Sicherlich, denn diese Begriffe geben Problemen eine unberechtigte ethnische Dimension: Sie lassen Zusammenhänge zwischen Banken und Juden oder Kriminalität und “Ausländern” als zwangsläufig erscheinen und reduzieren die bezeichneten Gruppen auf negative Zusammenhänge. Entsprechendes Vokabular ist darum zurecht geächtet.

Aber der Z***baron zur Veranschaulichung von Clan-Korruption? Da blicken wir auf eine musikhistorische, literarische Tradition zurück, die so schnell nicht zerstört werden soll.


andere Artikel über Rassismus

Die Nomaden kommen

Auf Spiegel Online berichtet Zacharias Zacharakis über Roma in Berlin. Sein Artikel mit dem Namen Nomaden der Neuzeit verbreitet keine Informationen, sondern Angst.


Der Titel-Begriff “Nomaden” ist beispielhaft für den Artikel. Roma, obwohl sie vorwiegend in Slum-ähnlichen Randbezirken, aber vor allem sesshaft, leben (Vergessen in Europa) lassen sich nach wie vor am besten in Bildern längst vergangener Zeiten verkaufen. Vielleicht ist es auch Unwissenheit und Zacharakis kennt die Lebensumstände der Roma Südosteuropas nicht, das ist aber unwahrscheinlich, denn eine kleine Internet-Recherche genügt, um das Nomaden-Bild als tief verwurzeltes Vorurteil zu erkennen (Brigitte Mihok und Peter Widmann: Sinti und Roma als Feindbilder). Die kritische Auseinandersetzung mit einem Problem wie Arbeitsmigration ist aber aufwändiger als der Griff nach dem Nomaden-Etikett.

Mit einschlägigem Vokabular auf Kosten Anderer klingen die Schlagzeilen eben auch flotter:

Erst haben die Roma-Familien unter freiem Himmel in einem öffentlichen Park gehaust, dann besetzten sie eine Kirche in Kreuzberg – und Fachleute erwarten für die Zukunft eine wahre Einwanderungswelle.

Die Bedeutungen des Verbs “hausen” können im Wictionary nachgelesen werden, mit Verweisen auf mehrere Lexika.

Zacharakis dekoriert die lasche Faktenlage mit ein paar Klischeebildern, die am Begriff Roma so gut haften, wie die Sticker in einem Poesie-Album. Und seine angekündigten “Fachleute” sind in Wirklichkeit nur einer, wie sich später herausstellt.

Interessant ist der (einzige) Absatz, in dem Äußerungen derer auftauchen, von denen uns der Spiegel-Online-Artikel erzählen will:

“Geht gut hier”, sagt die Frau. Auf die Frage, wie lange sie und ihre Angehörigen noch bleiben wollen, neigt sie den Kopf zur Seite, zuckt mit den Achseln. Warum sind sie nach Deutschland gekommen? Die Frau führt ihre Hand in schnellen Bewegungen zum Mund. Aus Hunger.

Diese Menschen (Weil sie fremd aussehen oder gebrochenes Deutsch sprechen?) werden gefragt, wie lange sie noch hier bleiben wollen und warum sie hier sind. Ist das eine persönliche Frage des Autors oder stellt er sie für seine Leserschaft?

Ansonsten bleiben die Roma in dem Artikel ein aus sicherer Entfernung ausgewertetes Phänomen. Mutmaßungen und Fakten verschwimmen ineinander. Was die Roma eigentlich wollen, wünschen oder vorhaben, erfahren wir aus der Sicht der Nicht-Roma:

“Sie würden gerne Leistungen vom Staat erhalten”

Diese Zwischenüberschrift soll verdeutlichen, was “schnelle Bewegungen der Hand zum Mund”, von Zacharakis eingangs als “Hunger” interpretiert, eigentlich bedeutet. Da Sozialleistungsempfänger in Deutschland ohnehin kein hohes Ansehen haben, kann sich die Leserschaft nun zusammenreimen, warum diese Nomaden mit Wunsch nach Sozialleistungen nicht mit “Herzlich Willkommen” begrüßt werden, sondern mit “Wann geht ihr wieder?”.

Der reine Informationsgehalt des Artikels ist geprägt von Urteilen, Meinungen und Vermutungen, weil der Standpunkt der Gruppe, über die eigentlich berichtet wird, fehlt.

Außerdem werden wichtige Informationen in sehr eigener Weise dargestellt:

[...] als EU-Bürger haben die Rumänen wenige Aussichten auf politisches Asyl. [...] Nach dem Gesetz der Freizügigkeit in der EU dürfen sich die Rumänen als Touristen drei Monate in Deutschland aufhalten.

Das sind beides zwar “wahre” Informationen, aber die erste ist inhaltlich erweitert und die zweite abgespeckt. In Deutschland haben alle Einwanderer, egal woher sie kommen, wenige Aussichten auf Asyl, da von den bearbeiteten Anträgen durchschnittlich nur in 5% der Fälle Asyl gewährt wird. Gemessen an der Faktenlage müsste der erste Satz lauten: [...] Einwanderer haben in Deutschland wenige Aussichten auf politisches Asyl.
Beim zweiten Punkt fehlt Wesentliches: Das Freizügigkeitsgesetz der EU regelt zwar unter anderem, dass man sich als Tourist in jedem EU-Land 90 Tage aufhalten darf. Aber das Freizügigkeitsgesetz regelt auch, dass EU-Bürger innerhalb der EU am Ort ihrer Wahl eine Arbeit und einen Wohnsitz aufnehmen dürfen – nur ist dieser Paragraph bis 2011 für Rumänen und Bulgaren ausgesetzt. Das heißt: das Freizügigkeitsgesetz gilt für die Rumänen nicht bezüglich Arbeitsplatz- und Wohnungssuche. Vollständig wäre die Information also: [...] Das Freizügigkeitsgesetz gilt für die Rumänen nur teilweise, wegen einer Übergangsregelung dürfen sie sich nur als Touristen in Deutschland aufhalten und die sofortige Aufnahme einer Arbeit und damit verbundene freie Wahl des Wohnortes ist ihnen (im Gegensatz zu anderen EU-Bürgern) bis 2011 verwehrt.

Wozu also betonen, die Leute hätten als EU-Bürger kaum Chancen auf Asyl, was sie auch als Sudanesen oder Kasachen kaum hätten? Warum nicht gleich dazuschreiben, dass diesen Leuten gesetzlich verwehrt bleibt, Arbeit aufzunehmen?

Zwei Absätze später kommt der rumänische Botschaftsbeamte Remus Mărăşescu ins Spiel:

“Diese Menschen würden gerne in Deutschland arbeiten”, berichtet Marasescu. Er habe ihnen aber erst erklären müssen, dass dies aufgrund der noch bis 2011 eingeschränkten Freizügigkeit der Arbeitnehmer aus den osteuropäischen EU-Ländern sehr schwierig sei

Darauf lässt Zacharakis unmittelbar die Worte von Anja Wollny (Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales) über die Roma folgen:

“Sie würden sich gerne hier niederlassen und Leistungen vom Staat erhalten, eine Wohnung etwa.”

Erscheint das nicht widersprüchlich? Wo ist die Stellungnahme der Roma? Und vor allem: Warum wählt Zacharakis die Aussage von Wollny zu den Sozialleistungs-Wünschen als Zwischenüberschrift, und nicht die von Mărăşescu? Ist eine Zwischenüberschirft wie “Die Roma würden gern in Deutschland arbeiten, geltendes EU-Recht verbietet das aber” nicht erwünscht, oder fehlten Zacharakis die Informationen?

Ohne die betreffenden Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen vermittelt der Artikel den Eindruck, die Roma wollten nur auf Kosten Anderer leben.

Die eigentliche Bedrohung kommt aber noch:

Ab 2011 eine Masseneinwanderung nach Deutschland

Was hier (weil ohne Anführungszeichen) aussieht wie eine Wahrsagung des Autors ist eigentlich die Prognose der angekündigten Fachmänner und gleichzeitig die zweite Zwischenüberschrift in Zacharakis’ Artikel. Da sich die Situation für Roma nicht nur in Rumänien verschlechtere, “prognostiziert” Tilman Zülch von der Gesellschaft für bedrohte Völker (also nur eine Person),

dass es mit der vollen Freizügigkeit der neuen EU-Staaten nach 2011 “eine Masseneinwanderung nach Deutschland” geben werde.

Das Schlagwort “Masseneinwanderung” ist beliebt, entsprach aber trotz seiner häufigen Verwendung nach 1989 mit Bezug auf Deutschland noch nie den Tatsachen. Solche unsinnigen Prognosen gab es speziell über Polen und allgemein über “Osteuropäer” seit den EU-Beitrittsverhandlungen.

Dass sich ein Journalist um die Bedürfnisse seiner Mitmenschen schert, mag man nicht erwarten, aber dass tatsächliche Fakten nur angedeutet und zugunsten bedrohlicher Mutmaßungen beiseite geschoben werden, ist fahrlässig.

Um das Ergebnis dieser journalistischen Konstruktion zuzuspitzen, kann man sich einfach mal die Überschrift und die zwei Zwischenüberschriften hintereinander auf der Zunge zergehen lassen: Nomaden der Neuzeit – “Sie würden gerne Leistungen vom Staat erhalten” – Ab 2011 eine Masseneinwanderung nach Deutschland.

Über die Roma verrät das nichts, dafür umso mehr über den Autor und seine Zielgruppe.

Zacharakis schließt mit dem Satz:

Vielleicht sind die obdachlosen Roma von Berlin nur die Vorboten einer solchen Entwicklung.

Mir bleibt zu sagen: Vielleicht ist der Zacharakis von Spiegel Online nur eine Ausnahme, und kein Vorbote einer allgemeinen Entwicklung des Journalismus.


andere Artikel über Roma

Medien machen Moldau

Was Spiegel Online zu unserem Bild von einem Land (und von dem der Roma) beiträgt


Über “ferne Länder” kann man sich oft nur indirekt informieren. Ein Mitteleuropäer, der nicht selbst an einen Ort reist oder mindestens Menschen von dort kennt, wird über diesen vornehmlich aus den Medien informiert. So entsteht ein Bild im Kopf der Zielgruppe von Medien, das schnell mit der Realität verwechselt wird, obwohl es zunächst nicht mehr als das Bild der vermittelnden Journalisten ist. Da diese Bilder nicht die Realität sind, müssen sie kritisch durchleuchtet werden.

Was für “ferne Länder” gilt, ist auch für europäische Länder zutreffend, die einzig mit Schlagworten wie Korruption, Kriminalität und Krieg hier und da für Aufsehen in der deutschen Presse sorgen. Eine mediale Instanz ist wohl der Spiegel, der als eines unter sehr wenigen “Meinungsbildern” hin und wieder über die Republik Moldau informiert. Während in vielen Zeitungen Randnotizen über die Ereignisse nach den umstrittenen Wahlen gelesen werden konnten, versucht Uwe Klußmann in seinem Spiegel-Online-Artikel Europas Armenhaus wird zwischen Ost und West zerrieben vom 19.4. Hintergrundinformationen zu liefern – auf eigene Weise.

Sein Artikel vermittelt einmal mehr den Eindruck, die meisten Einwohner der Moldau wünschten einen sofortigen “Anschluss” an Rumänien. Dass ausgerechnet dieses Bild von Vladimir Voronin, dem kommunistischen Präsidenten und Sieger des angefochtenen Wahlergebnisses, persönlich mit aufgebaut wurde, das schreibt Klußmann nicht. Dabei wurde längst enttarnt, dass es eigens vom Staat zu Show-Zwecken eingesetzte Provokateure waren, die nach Vereinigung riefen und rumänische sowie EU-Flaggen schwenkten (siehe Weiter Unklarheit in Chişinău). Es ist gar nicht sicher, dass die demonstrierende Masse viel mehr wollte, als einfach nur über die schmutzigen Wahltricks der Regierungspartei aufgeklärt zu werden und faire Neuwahlen zu fordern. Das Bild der staatsgefährdenden Großrumänien-Anhänger entstand im Interesse Voronins, der seine autoritären Gebärden so angesichts eines vermeintlichen rumänisch gesponserten Putsches rechtfertigen konnte. Dass nun das Bild der Vereinigungs-Provokationen sogar bei Spiegel Online auftaucht, bedeutet sicher einen medialen Erfolg für Voronin.

Die zurecht kritisierte Korruption der Regierenden in Moldova ruft bei Klußmann weitere Bildhaftigkeit auf den Plan. Feuilletonistische Ausdrucksweisen wie der “brummelige Bonze” mögen zum Schmunzeln anregen, wobei generell interessant ist, ob solche etwas herabschauenden Formulierungen in der deutschen Pressesprache auf Berichte über bestimmte geografische Räume reduziert sind. Schwieriger wird es dann schon mit dem Begriff “Clan” und dem “Z***baron”, an den sich Klußmann von Voronin erinnert fühlt. Wird hier an die beim Leser vorausgesetzten rassistischen Vorurteile appelliert?

Warum sonst werden hier die “Z***” erwähnt? Und welches Bild sollen diese genau implizieren? “Machenschaften”? “Unzivilisiertheit”? “Die Wilden da unten”? Genügt es nicht, neben dem “brummeligen Bonzen” darauf hinzuweisen, dass dieser und auch sein Kabinett korrupt sind? Offenbar nicht, also hält “der Z***” her. Der “Z***baron” wohlgemerkt. In einem etablierten deutschen Medium wird im 21. Jahrhundert ein ethnisches Attribut verwendet, um eine verwerfliche Eigenschaft zu beschreiben. Bei anderen ethnischen Gruppen wäre dies tabu, die “Z***” hingegen sind wohl noch uneingeschränkt zur Negativ-Bebilderung “nutzbar”.

Dass dann von “cleveren KP-Ideologen” mit ihrer “Taschenspieler-Art” die Rede ist, gehört ins selbe Bild. Das Bild von der Republik Moldau. Ein Bild.


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