ALDI fürchtet immernoch auch deutsche Räuber

Für mehr Gleichberechtigung bei der Diskriminierung


Am Eingang einer der beiden zentralen ALDI-Filialen in Jena hängt dieses Schild:

Foto: Hendrik Kraft, sibiuaner.de, some rights reserved, Creative Commons License

Das hängt dort schon länger, aber bei genauerem Betrachten fiel mir neulich wieder auf, dass der erste Absatz auf Deutsch ist. Vermutet man den potentiellen Dieb also auch in den eigenen nationalen Reihen? In den letzten vier Absätzen werden gezielt die polnischen, türkischen, rumänischen und russischen ALDI-Kunden darum gebeten, von Überfällen abzusehen. Das ist aber diskriminierend gegenüber Franzosen, Spaniern, Italienern, Brasilianern, Schweden, Tschechen, Albanern, Chinesen, Indern, Peruanern … , denn hier wird davon ausgegangen, dass diese alle die deutsche Sprache beherrschen oder aber auf die Fremdsprachenkenntnisse hilfsbereiter ALDI-Kunden zurückgreifen. Denn wie sollen die englischsprachigen Zeilen den gesamten restlichen internationalen Kundenkreis neben Rumänen, Türken, Russen und Polen abdecken?

Bis der Absatz ins Irische übersetzt wurde, müssen zumindest jene Räuber, die im irischen Limerick vor kurzer Zeit den ALDI-Safe geklaut haben mit den englischen Zeilen Vorlieb nehmen. Es sei denn, sie entstammen einer der vier auf dem deutschen Schild angesprochenen Sprachgruppen – dann kann der irische ALDI sicherlich von der in deutschen Filialen praktizierten Völkerverständigung lernen.

Roma sein und Zeitung lesen

[Trigger-Warnung: Hinweise auf die rassistische Fremdbezeichnung von Rom_nija]

Zur Ethnisierung von Kriminalität in der Pressesprache


Der rumänische Handballspieler Marian Cozma wurde in der ungarischen Stadt Veszprém in der Nacht zum 8.2. in einer Diskothek ermordet. Im World Wide Web bieten verschiedene Autoren ihre Ideen zum Tathergang und den Motiven an. Den kleinsten gemeinsamen Nenner haben aber fast alle Meldungen in der expliziten Feststellung, dass es sich bei den Tätern um Personen „der Ethnie Roma“ gehandelt habe. Auf der rumänischen Online-Nachrichtenseite hotnews.ro wird am Morgen nach dem Vorfall in einer Meldung ein Zitat übernommen, in dem von „einer Gruppe [***]ner“ oder auch „einigen [***]ner mit Pistolen“ die Rede ist. Ein Zusammenhang zwischen dieser Bezeichnung der Täter und dem eigentlichen Artikel-Thema ist nicht erkennbar. Der Artikel liefert keine Hintergrundinformationen zu dem Mord, stattdessen werden die Täter ethnisch kategorisiert. Es entsteht der Eindruck, die Einordnung der Täter als Roma würde die Fragen nach den Hintergründen der Tat beantworten.

Das gleiche rumänische Nachrichtenportal Hotnews.ro beschäftigte sich gestern, am 11.2., mit den Äußerungen eines ungarischen Soziologen, der auf den anti-Roma-Rassismus der Ungarn hinweist. Die Ressentiments der ungarischen Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Roma würden bereits das Niveau bürgerkriegsähnlicher Zustände erreichen. Der Mord an Cozma dürfte auf keinen Fall zu „verallgemeinernden Schlussfolgerungen“ gegenüber den Roma führen, ist in dem rumänischen Artikel zu lesen, als es um den ungarischen Rassismus gegenüber Roma geht.

Ebenso am gestrigen Mittwoch berichtete die Süddeutsche Zeitung von dem Mord. Hier heißt es: „Ihren rassistischen Kontext bekommt die Tat dadurch, dass solche Messerattacken tatsächlich als typische Racheakte von Roma-Banden gelten.“ Was genau daran nun Roma-typisch sein soll, einen Mann zu erstechen, wird nicht geschrieben. Und wer überhaupt diese Behauptung in den Raum gestellt hat, diese Tat sei Roma-typisch, bleibt auch unklar – stattdessen wird das Bild der messerstechenden Roma einfach weiterverbreitet. Zumal es ein paar Zeilen weiter heißt, es sei „ungeklärt, ob die Täter Roma waren“. Der Artikel trägt den Namen „Stich ins Herz“. Und eine Unterüberschrift: „Ungarn und Rumänien streiten nach dem Mord an einem Handballprofi“. Aber von dem Streit ist im Text nirgends die Rede. Stattdessen heißt es, die Rumänen seien „gerührt über das Mitleid der Mehrheit der Magyaren mit ihrem Handball-Legionär“ – die Trauer um Cozma lässt demnach Ungarn und Rumänen einander näherkommen. Der reine Informationsgehalt dieses Zeitungsartikels ist mager und verwirrend zugleich. In Ungarn wie in Rumänien wird die Stimmung gegenüber Roma vermutlich angespannt sein, begünstigt durch die jeweils einheimische Berichterstattung. Die Süddeutsche Zeitung leistet ihren Beitrag für die deutschsprachige Leserschaft.

Das Wort [***]ner¹ in Rumänien (von April 2007)

[Trigger-Warnung: Hinweise auf die rassistische Fremdbezeichnung von Rom_nija]

¹Rassistische Fremdbezeichnung für Roma nachträglich unkenntlich gemacht.

Restriktive Sprachpolitik: Mit der Streichung des Wortes „[***]ner“ sollen Probleme beseitigt werden

Mittels Kurzmitteilung erfuhr man am 30. April 2007 bei ‚Deutschlandradio Kultur‘, der „Präsident der Roma in Rumänien“, Nicolae Păun, wolle im Rahmen seines Kampfes gegen Diskriminierung das Wort „[***]ner“ aus dem rumänischen Wörterbuch streichen lassen, da dort neben der Wortbedeutung als Name für Roma auch die Verwendung für eine Person mit schlechten Angewohnheiten zu finden ist.

Die sofort in Rumänien losgebrochene Diskussion wurde von Păun selbst, der Vorsitzender der Partei der Roma in Rumänien ist, etwas entschärft, indem er seinen Standpunkt in einem Radio-Interview mit ‚BBC Romania‘ relativierte. Er setzt sich nun für die Bearbeitung der pejorativen Ausführungen zur Bezeichnung „ț[***]“ unter Beteiligung der Roma ein. Er fordert damit nicht nur die Beteiligung einer oft thematisierten aber selten gefragten Gruppe an einem wunden gesellschaftspolitischen Thema, sondern auch die wissenschaftliche und politische Offenheit vorwiegend traditionell verhafteter Sprachwissenschaftler der gern elitär wirkenden „Academia Română“.

Dieses Thema eignet sich aber überhaupt nicht als der große mediale Aufhänger, der es momentan zu werden scheint, da man Gefahr läuft, sich bewusst vom restriktiven Mittel der Sprachpolitik verführen zu lassen. So neigt die Diskussion zu einer Überbewertung der Lexikographie, indem sie die klaffende Lücke zwischen Wunsch und Realität zur Situation der Roma in Rumänien allein der Sprachwissenschaft aufzubürden scheint. Hier stellt sich die Frage nach der Aufgabe oder sogar Verantwortung lexikographischer Werke mit ihrem Einfluss auf ein so lebendiges Abstraktum wie Sprache.

Beeinflusst die Veränderung einer Wortdefinition im Lexikon, oder sogar die Streichung, die Sprecher betreffender Sprache direkt? Grundsätzlich ist das eine Schwierigkeit, gesprochene Sprache lässt sich nur schwer autoritär beeinflussen und als Beispiel dafür dient das zitierte rumänische Standard-Wörterbuch DEX (Dicţionarul Explicativ Al Limbii Române) selbst. Obwohl dort nämlich alle in Rumänien benutzten vulgären Wörter, einschließlich der beiden am häufigsten benutzten „p-Wörter“ fehlen, wirkt sich das bis heute nicht auf die gesprochene Sprache aus. Wer in Rumänien war, kennt die hohe Frequentierung solcher Wörter im Gegensatz zu äquivalenten Schimpfwörtern bei uns, die aber alle im vergleichsweise kleinen Standard-Duden zu finden sind.

Der Duden widmet sich der in der aufgeklärten Sprachwissenschaft bevorzugten deskriptiven, das heißt be-schreibenden Lexikographie, während das DEX zur normativen, also vor-schreibenden Lexikographie tendiert und damit einfach so tut, als ob in der rumänsichen Sprache keine vulgären Ausdrücke existieren.

Dennoch ist die unterstützend-diskriminierende Rolle des DEX unbestreitbar, es ist nicht zu leugnen, dass das Negativ-Bild aus dem Artikel zum Wort „ț[***]“ in Wechselwirkung mit dem realen Negativ-Bild über die mit diesem Wort bezeichneten Menschen steht. Insofern ist Păuns Vorschlag zur Bildung einer großen Gruppe einschließlich Roma und Kritikern des Wortes „ț[***]“ für die Bearbeitung des Artikels die beste Lösung. Eine Streichung des Wortes wäre, wenn auch im DEX an anderer Stelle bereits vorhanden, Zensur.

Wenn das Wörterbuch auch weiterhin der traurigen Tatsache Rechnung tragen will, dass „ț[***]“ in Rumänien als Bezeichnung für „Menschen mit schlechten Eigenschaften“ verwendet wird, so bleibt wenigstens ein Hinweis auf die eindeutig rassistische Konnotation. „Menschen mit schlechten Eigenschaften“ unterliegen wohl eher den subjektiven Kriterien des Betrachters, als der Universalität eines Wörterbuchs, das suggeriert, diese Gruppe sei eine tatsächliche und feste Größe. Es ist zum Glück unmöglich, dass analog in einem deutschen Wörterbuch unter dem Stichwort Jude irgendwo kommentarlos die Beschreibung „Bezeichnung für einen geldgierigen Menschen“ stünde, nur weil es Deutsche gibt, die geldgierige Menschen als Juden bezeichnen oder Juden für geldgierig halten.

Die gesellschaftspolitische Relevanz der Konnotation eines einzigen Wortes und der entstehenden Problematik für ihre Dokumentation ist eindeutig, zumal es um eine in allen Bereichen sowieso schon marginalisierte Gruppe geht. Dennoch kann der Austragungsort für diese Diskussion nicht das DEX sein, schon gar nicht, weil es bereits an anderer Stelle teilweise normativ und zensierend auffällt.

Die Diskussion muss, wie von Păun gefordert, endlich unter Beteiligung der betreffenden Gruppe weitergeführt werden und das DEX sollte nur eines von vielen direkt oder indirekt wertevermittelnden Instanzen sein, wo Resultate sichtbar werden. Darum ist die von Păun angeregte Diskussion begrüßenswert und wichtig für die Herausbildung zeitgemäßer Wertvorstellungen hinsichtlich der Roma in Rumänien.


Siehe auch:
Ab heute heißt Du [***]ner!