Männliche Perspektiven und menschliche Abgründe

Gestern zwei Filme


Der Wettbewerbsbeitrag Stupki v pyasuka (Spuren im Sand) von Ivailo Hristov hat eine nett gemeinte Story, in der ein ausgewanderter Mann nach Bulgarien zurückkehrt. Am Flughafen in Sofia erzählt der Mitvierziger interessierten Flughafenmitarbeitern die Details zu seiner Auswanderung. Darüber, wie ihn in den 80er Jahren seine große Liebe verlassen hatte, worauf er über Österreich in die USA floh.

Ich hatte Probleme mit dem Film. Frauen tauchten in dem Film nur als Auslöser für Probleme auf. In einer rein männlichen Runde von fünf, sechs Flughafenangestellten reflektierte der Zurückkehrer über seinen Lebensweg, seine Flucht, nachdem er verlassen worden war. In den Geschichten tauchten verschiedene weitere Frauen außer der großen Liebe auf, mit denen er aus unterschiedlichen Gründen aber auch nicht glücklich wurde.

Am härtesten fand ich den kurzen Auftritt einer weiblichen Figur: Eine (rumänische) Prostituierte, die dem Auswanderer als Geste der Freundschaft im österreichischen Auffanglager von einem bulgarischen Bekannten „offeriert“ wurde. Es war ein sehr kurzer Auftritt, die Frau hatte gar keinen Text, sie war nur kurz nackt zu sehen und diente im Handlungskontext dazu, die Schüchternheit des Protagonisten zu thematisieren. Der Ratschlag lautete dann: „Mach einfach die Augen zu und stell dir vor, es sei deine Freundin“. Es ging eben um die Probleme des Mannes, nicht um das Thema Prostitution oder die Ausnutzung von Frauen.

Der US-Aufenthalt des ausgewanderten Protagonisten und sein Job als Fahrer wurden dann u.a. in Sonnenuntergangs-Bilder mit Trucks am Horizont gepackt, die mit Rockmusik unterlegt wurden. Damit war der Film mir persönlich nicht mehr nur in seiner Perspektive, sondern auch in seiner Ästhetik zu Klischee-männlich. (Das alles nachdem er in New York als Obdachloser von zwei Männern in „Du-musst-kämpfen“-Manier aufgegabeltt worden war.)

Zwischen den Bildern dann eben immer die Sequenzen mit den gespannt zuhörenden Männern am Flughafen in Sofia. Der jüngste unter ihnen, kaum 20, war besonders interessiert: Ihn hatte nämlich gerade seine Freundin verlassen (per Handy – das war die erste Szene des Films). Gestärkt von den Geschichten des Zurückkehrers konnte der junge Mann dann auf einen Anruf seiner Ex reagieren: Er klappte das Handy zu und ging nicht ran.

Die letzte Szene entließ das Publikum dann aber noch in eine heile Welt: Der Zurückkehrer suchte seine große alte Liebe (inzwischen Ärztin mit Dr.-Titel) in ihrem Häuschen auf und machte ihr mit den ersten Worten des Wiedersehens am Eingangsportal einen Heiratsantrag.

http://www.youtube.com/watch?v=GkXmIjOZF8Q

Ein ganz anderes Kaliber war Jan Švankmajers Šílení (Der Wahnsinn/ Lunacy, lief im Rahmen der Hommage an den Regisseur), der sich nicht auf einige zusammenfassende Worte bringen lässt. Soviel als Anregung: Animierte Fleischstückchen (die auch zur Festival-Eröffnung schon zu sehen waren) gaben eine Art Subtext als Zwischensequenzen in der ansonsten von Schauspieler_innen dargestellten Handlung. Die Perversionen des Alltags als fleischgewordene Bilder in ungeschönter Direktheit. Der naive Protagonist streift durch eine zeitlich nicht weiter definierte Welt, in der die Menschen verrückt scheinen. Nachts bekommt er paranoide Albträume und will fliehen, vor Männern in weißen Kitteln, die ihm eine Zwangsjacke umlegen wollen. In schlafwandelndem Wahn zerlegt der Verfolgte dann (was mehrmals im Film passiert) sein Schlafzimmer, bis ihn jemand weckt.

Ein bekennender „Antichrist“, der sich herrschaftlich über den Dingen sieht und in religiöser Manier regelmäßig Sex-Orgien begeht, nimmt sich dem naiven, ängstlichen und zweifelnden Protagonisten an. Als Erlösungsmotiv aus der ausbeuterischen, verschwenderischen und sexistischen Herrschaftswelt dieses neuen Bekannten dient nun die Option, eine Art alte Ordnung wiederherzustellen. Soviel sei noch verraten: In einer psychiatrischen Anstalt entscheidet sich der Protagonist (in seiner Naivität? Unerfahrenheit?) für die Wiederherstellung der alten Ordnung und damit für eine noch grausamere körperzüchtigende Form der Ausbeutung und Fremdherrschaft – auch über sein Leben, in dem er nun das letzte Stück Autonomie verliert und sein Albtraum Wahrheit wird.

Kein schöner Film, aber ein beeindruckender. Švankmajer findet in verstörender Weise zutreffende Bilder für extrem unangenehme Absurditäten unseres menschlichen Alltags und komponiert daraus großartige Szenerien. Dazu kommen ausgezeichnete Schauspieler_innen, wirklich überzeugend und beängstigend authentisch in der Darstellung.

http://www.youtube.com/watch?v=TZyfIkXrblM


siehe auch:
Filmrezension (mit von meinen Eindrücken teilweise erheblich abweichenden Interpretationen) zu Jan Švankmajers „Der Wahnsinn“ bei negativFilm und alle Artikel zum Thema Film bei sibiuaner.