AND-EK GHES… — #Berlinale kurz notiert

AND-EK GHES…* ist ein Spiel mit filmischen Mitteln, bei dem die Grenzen zwischen Dokumentarischem und Fiktion verschwimmen. Es bietet eine Auseinandersetzung mit dem performativen Charakter gefilmter menschlicher Handlungen.

Die Aufnahmen, die von den romanessprachigen Protagonist_innen mit unterschiedlichen Kameras selbst angefertigt wurden, durchbrechen filmisch tradierte Blickrichtungen und reklamieren die Position der Selbstrepräsentation. Sie sind auch eine Abrechnung mit konventionellen Annahmen zur vermeintlichen Objektivität des Dokumentarfilms. Mit sichtbaren Inszenierungen oder selbstironischen Kommentaren wird die Verbindung zwischen den Darstellungen und ihrer Herstellung vergegenwärtigt.

Ein Film, erfrischend und politisch ohne Phrasen.

Einer der beiden Regisseure ist auf twitter: @ColoradoVelcu.

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* Transparenzinfo: Ich bin mit mehreren an dem Film beteiligten Personen, u.a. den beiden Regisseuren, befreundet.

AUF EINMAL — #Berlinale kurz notiert

Der Spielfilm AUF EINMAL (Sektion Panorama Special) erinnert anfänglich an einen Tatort: Eine Person tot, Ursachen und mögliche Motive unklar, Auffälligkeiten und Verdächtigungen vorhersehbar.

Im weiteren Verlauf liest sich der Film zunehmend als ethnographisches Portrait eines deutschen, kleinstädtischen Mikrokosmos‘. Dafür inszeniert Regisseurin Aslı Özge eine aus wohlhabendem Elternhaus stammende, männliche Hauptfigur. Deren zentraler Antrieb ist die Erhaltung des eigenen Rufs. Die Verteidigung der zivilisierten und moralisch anständigen Fassade. Mit allen Mitteln.

Am Ende beengend, beklemmend und nichts Neues. Aber sehr gut umgesetzt.

KIKI — #Berlinale kurz notiert

KIKI ist der großartige Dokumentarfilm aus der Sektion Panorama, mit dem die diesjährige Berlinale für mich begann. Ein Film zum Versinken.

Allein die Protagonist_innen erzählen über sich, ordnen ein, öffnen sich. Wo gewünscht, dürfen Familienmitglieder erzählen. Der Blick der Kamera bleibt sensibel. Von den dargestellten Personen und ihren Geschichten geht eine enorme Kraft aus. Der ganze Film lebt von den beeindruckenden Persönlichkeiten.

Die 95 Minuten bieten einen kurzen, intensiven filmischen Eindruck von den Erzählungen queerer Schwarzer Menschen und queerer Menschen of Colour aus New York. Allen weißen hetero-cis-Männern empfehle ich diesen Film als eine Gelegenheit zuzuhören.

Hier kann zwei der Protagonist_innen auf Twitter gefolgt werden:
@Chrisishandsome
@Gialov3

FUOCOAMMARE — #Berlinale kurz notiert

Der Dokumentarfilm FUOCOAMMARE lief im Wettbewerb. Er nähert sich dem Themenkomplex Flucht/Migration mit klassischen Mitteln.

Die Bilder von Geflüchteten, von Registrierungen nach der Ankunft auf der Insel oder die Schiffsfunkdialoge kontrastieren mit dem dargestellten Alltagsleben des zwölfjährigen Lampedusabewohners Samuele. Farbenfrohe Inselnatur und althergebrachtes Wohnungsinterieur auf der einen, schlecht beleuchtete Bilder von Geflüchteten auf der anderen Seite. Eine Verbindung zwischen beiden Ebenen ist der Arzt: Er ist Samueles Hausarzt und er untersucht die Ankommenden bzw. obduziert deren Leichen.

Die Inselbewohnerschaft um Samuele steht im Mittelpunkt, ihre Geschichte wird im Film detaillierter erzählt. Die Geflüchteten dagegen bleiben eine unbestimmte, teils voyeuristisch abgefilmte Masse. In einer Situation polizeilicher Registrierung und Kleidungskontrolle blicken durchsuchte Geflüchtete verunsichert in die Dokumentarfilmkamera. Das verstärkt ihre Positionierung in dem Film als reine Darstellungsobjekte.

Publikation „Bedrohlich anders“ als Download

Ab sofort steht meine Arbeit „Bedrohlich anders“ als pdf zum kostenlosen Download bereit:

Bedrohlich anders [pdf, 235 S., 3 MB]

Darin geht es um Darstellungen natio-ethno-kulturell markierter Figuren in einem rumänischen und einem deutschen populären Filmbeispiel (FURIA von R. Muntean, 2002 / KNALLHART von D. Buck, 2006). In einem ausführlichen Vergleich zeige ich Überschneidungen und Unterschiede zwischen den Figurendarstellungen der beiden Filme, und wie die Herstellung von Unterschiedlichkeit durch diese Darstellungen erfolgt (Narrativierung von Differenz). Dabei ist der Zusammenhang zwischen den fiktiven Figuren und der außerfilmischen Wirklichkeit von Bedeutung. Im Ergebnis zeigt sich, dass die Figurendarstellungen des rumänischen und deutschen Films derselben symbolischen Ordnung folgen, die sich auf die Stereotypie stützt: Sie lassen sich als Bestandteile eines rassistischen Diskurses der Differenz einordnen, und zwar genauer als Inszenierungen von Weißsein.

Für Fragen, Kritik oder andere Rückmeldungen stehe ich sehr gern zur Verfügung (z.B. über die Kommentarspalte oder e-Mail).

Die Arbeit ist weiterhin auch als gebundene Printversion erhältlich: epubli / amazon.