Eine Mutter auf den Asphalt gekommen

Dalibor Matanićs „Mutter des Asphalts“ ist der sensible Blick auf eine einstürzende Fassade


Majka Asfalta (Mutter des Asphalts, Regie: Dalibor Matanić 2010) erzählt die Geschichte einer Trennung. Besser gesagt wohl einer Loslösung: In einer von Gleichgültigkeit und Entfremdung geprägten Beziehung entscheidet sich Mare, ihren Mann Janko zu verlassen. Die vorweihnachtliche Freude des gemeinsamen Sohnes ist ein schmerzhafter Spiegel für die beiden Eltern, die sehr unterschiedlich mit dem offensichtlichen Scheitern ihrer Beziehung umgehen. Eine frisch gekaufte Eigentumswohnung in Zagreb und der geplante Ski-Urlaub mit Freunden laden zur Verdrängung ein.

In einem hilflosen Ausraster Jankos kracht der letzte Rest Fassade zusammen. Sie geht. Die Handlung wird unsentimental erzählt, die weibliche Hauptfigur bleibt ein Mensch mit eigenen Fehlern. Mare wird nicht auf eine Rolle reduziert, etwa die des Opfers oder der Getriebenen, sondern sie bleibt die Handelnde. Dabei sammelt sie auch die Erkenntnis, mit ihrer Entscheidung weitgehend allein dazustehen: Als sie mit ihrem Sohn für ein paar Tage bei ihrer besten Freundin unterkommt muss sie von ihr hören, ein paar Schläge „aus Versehen“ seien doch ganz normal, zumal, wenn der Mann getrunken habe.

Ziellos fährt sie mit ihrem Sohn durch das winterliche Zagreb. Sie übernachten im Auto auf Parkplätzen oder im Büro. In einer Nacht, um dem Sohn eine Freude zu machen, bucht Mare ein Hotelzimmer. Dann ist das Geld alle.

Mare steht in dem Film nicht nur für eine Frau, die sich gegen ein Rollenbild entscheidet und damit auf Unverständnis stößt, sie steht auch für ein Individuum, das sich zum Schutz vor sozialer und physischer Gewalt gegen den Konsens des Schweigens entscheidet. Sie bleibt allein mit ihrem Sohn, denn ihre einzige Option sozialer Anbindung würde bedeuten, die erlebten Formen der Gewalt zu akzeptieren.

Es bleibt offen, wie lange die Beziehung schon litt, wie lange Mare Illusionen akzeptierte. Auch lässt der Film offen, welche Möglichkeiten Mann und Frau hätten finden können, das Geschehene zu thematisieren. Aber dort wird eben nicht die Geschichte einer Beziehung, sondern die der Konsequenzen einer Entscheidung erzählt. Mit ihrem Entschluss für die (Los)Lösung bringt Mare die bestehende Ordnung durcheinander. Weniger die eigentlichen Lebenslügen des sozialen Miteinanders sind das Thema, sondern vielmehr deren langer Rattenschwanz. Das Unverständnis von Freunden, die schmerzliche Entdeckung ungleichmäßiger Abhängigkeit, die plötzliche Erkenntnis einer zerplatzten Illusion. Verdrängung.

Einmal steht Mare in einer Telefonzelle (der Sohn ist in der „Spiel“-Ecke des Einkaufszentrums) und spricht mit ihrer nach Deutschland ausgewanderten Mutter. Mare kämpft mit den Tränen, während sie behauptet, sie sei mit Mann und Kind beim weihnachtlichen Familieneinkauf.

Trailer (Die Musik taucht im Film nicht auf):
http://www.youtube.com/watch?v=KMSN_aR66IA