Świnki von Robert Gliński* [goEast 2010]

Der Film Świnki des polnischen Regisseurs Robert Gliński kommt in Deutschland am 8.Juni 2010 unter dem Titel „Ich, Tomek“ in die Kinos.

Beim diesjährigen goEast-Filmfestival sah ich in sieben Tagen rund 20 Filme in zwei Wiesbadener Kinos. Świnki von Robert Gliński beeindruckte mich besonders. In dem Film wird Kindesmissbrauch nicht als Spezifikum einer einzelnen Einrichtung, eines bestimmten Ortes oder einer besonderen Zeit, sondern als Teil der „normalen“ Welt thematisiert – als Eskalation eines gesellschaftlichen Alltags, der geprägt ist von Abhängigkeit, Zwängen und der Sehnsucht nach Selbstbestimmung.

Die deutsch-polnische Grenzregion zur Zeit um den polnischen EU-Beitritt steht als Kulisse für jene Grenzerfahrungen der besonderen Art, mit denen die Figuren, mehrheitlich Kinder, konfrontiert werden.

Tomek ist um die 14 Jahre alt. Das finanzielle Überlebensminimum seiner Eltern, der geplatzte Traum in einem Jugendsozialprojekt und ein engagierter, aber ignoranter Pfarrer rücken für ihn plötzlich zugunsten neuer Perspektiven in den Hintergrund: eine schöne Freundin und soziale Anerkennung. Beide haben ihren Preis.

Mit seinem guten Schuldeutsch hat Tomek einen Vorteil gegenüber den anderen Kindern: Die zahlende Kundschaft kommt aus Deutschland. Schnell entwickelt er Routine, erlernt die Mechanismen des „Marktes“ und wird so zeitweise sogar zum örtlichen Świnki-Chef. Die Macht des Stärkeren in Verbindung mit brutaler, sexueller Gewalt, die Tomek selbst zu spüren bekommt, entdeckt er als Werkzeug zur Durchsetzung der eigenen Karriere.

Hierin liegt meines Erachtens auch der Wert dieses Films: Die Kinderprostitution, der bezahlte Missbrauch von Minderjährigen, stellt sich als Teil eines Kontextes dar, in dem Menschen nur noch mit einem Marktwert zählen. Damit ich nicht falsch verstanden werde, ich sehe den Film nicht einfach als eine Parabel zur kapitalistischen Gesellschaft, sondern ich sehe in dem Film eine differenzierte Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Macht- und Abhängigkeitsstrukturen, aus denen heraus Kindesmissbrauch und Kinderprostitution entstehen. Damit macht es sich Robert Gliński eben nicht so einfach, den Kindesmissbrauch als Perversion zu inszenieren, sondern er zeigt die Kinderprostitution als Teil jener Perversionen, die unserem alltäglichen Miteinander bereits zugrundeliegen.

Der Film kommt völlig ohne plumpe Schockbilder aus, die Schreckmomente bereiten einem die Gesichter der authentisch spielenden Kinder. Die gefühlte Scham vierzehnjähriger Jugendlicher angesichts der Geilheit betuchter Männer beschert unbequeme Filmminuten. Darauf folgen Selbsthass und finanzielle Befriedigung dank 80 verdienter Euro, die für Tomek den Anfang einer Karriere bedeuten.

Die atmosphärischen Details sind beeindruckend, nicht zuletzt, weil Anna Kulej (Marta) und Filip Garbacz (Tomek) in ihren Rollen unglaublich überzeugend sind. In ihren Bewegungen, in ihrer Wortwahl, im Flirten, Trinken, Feiern und beim „Shoppen“ sind diese Kinder erschreckend erwachsen. Die frische Sehnsucht nach vermeintlicher Befreiung manifestiert sich bei den Kindern im Rausch von Kaufen, Kaufen, Kaufen. Tomek kauft sich seine Freundin und ihr teure Schuhe. Beide erkaufen sich damit ihre Position. Und wesentlicher Bestandteil dieser Logik ist eben auch, dass sich reiche, deutsche Männer die Kinder kaufen.

© widark & 42film 2009

Der Film ist desillusionierend. Zu einem Herabschauenden gehört immer mindestens ein Heraufschauender, ein Gepeinigter. Und beide Perspektiven sind Teil derselben Karrierekette, auf deren Ende die Illusion vollkommener Befriedigung projiziert wird.

In diesem Sinne ist der Film deprimierend und nicht schön. Aber er ist gut. Er will kein Mitleid erzeugen, keine Trauer oder Wut, sondern er will für dieses, unser derzeitiges menschliche Miteinander sensibilisieren, das solche Fälle sexueller und gewalttätiger Ausbeutung von Menschen, Kindern, und zwar in unserer Mitte, hervorbringt.

Für diesen im Film beschriebenen Zustand ist es symptomatisch, dass Problemlösungen nicht an den Mitteln scheitern, sondern an der Tiefe und Ernsthaftigkeit, mit der man überhaupt erst einmal bereit ist, ein Problem wahrzunehmen. Was so abstrakt klingt, wurde mir in einer Szene des Films besonders deutlich: Tomek sieht sich mit einem sofort reagierenden, sensiblen und aufwändigen, hochtechnisierten Sicherheitsapparat konfrontiert, als er mit einem Schlauchboot nachts versucht, die Oder zu überqueren. Innerhalb genau dieser Gesellschaft, die jenen sensiblen Sicherheitsapparat hervorgebracht hat und jedes Schlauchboot auf der Oder wahrnehmen kann, ist es möglich, dass Kinder wie Tomek gegen Geld sexuell missbraucht werden. In dieser Szene zeigt sich, dass nicht Antworten fehlen, sondern dass die falschen Fragen gestellt werden.

Der Film provoziert, indem er ein gesellschaftliches Problem in seinem Kern anschneidet, der allgegenwärtig ist, aber hinter den Rufen nach einfachen Lösungen verschwindet. Darum ist der Film sehenswert.

*Den ursprünglichen Titel habe ich geändert.
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Der Regisseur Robert Gliński am 27. April in Wiesbaden beim goEast-Filmfestival über seinen neuen Film Świnki („Ich, Tomek“):

http://www.youtube.com/watch?v=vYnVs5FOXCY

Neukölln limited

Tagesspiegel und Respekt – Polizei und Journalismus (oder ohne und) in Zeiten der Respektlosigkeit


Wenn Journalisten die Respektlosigkeit der Bürger gegenüber Polizisten thematisieren, können Fakten schon mal als knetbare Auslegungssache ganz im Sinne journalistischer Unabhängigkeit verwendet werden.

Nicht so beim Tagesspiegel, hier spricht man nicht über irgendetwas, sondern es wird direkt vom „Brennpunkt“ aus berichtet. Und wer könnte neutraler über die Respektlosigkeit gegenüber Polizisten berichten, als ein Tagesspiegel-Journalist? Ein Polizist. Das spart den Tagesspieglern auch eigenen Rechercheaufwand.

Ein Schild mit der Beschriftung „Neukölln“ (Quelle: Jcornelius/ Wikimedia Commons)


„Neukölln“ in den Titel und ein neuer Beitrag ist (fast) fertig. Der trockene Polizeibericht muss nur in eine authentische, für das Tagesspiegel-Publikum nachvollziehbare Sprache gebracht werden. Gut dafür eignen sich direkte Zitate, in denen die Sprachschwächen der Delinquenten erkennbar werden:

„Warum, … hast du Problem?“ oder „Ich kenne Fahrer, bleib da, ich holen!“ sowie „Ich fahren Daimler – und jetzt?“ (tagesspiegel.de vom 1.6.2010 Was ein Polizist auf Streife in Neukölln erlebt)

In einem echten Neukölln-Artikel darf das nicht fehlen, so wird die Perspektive der Gegenseite, also der Menschen mit ähm, Migrationshintergrund, würdig in die Beschreibung mit eingeflochten. Nur auf dieser Grundlage können sich die Tagesspiegel-LeserInnen ihre eigene und unabhängige Meinung bilden.

Aber um dem Rassismus-Verdacht zu entgehen (bei häufigen Signalherkunftsbezeichnungen wie „türkische Frau“, „arabische Sätze“, „arabischer Herkunft“, „afghanischer Herkunft“ und den o.g. authentischen Slang-Zitaten) müssen den Migrationshintergründlern auch deutsche Polizeirespektlose an die Seite gestellt werden:

„Ach, übrigens: Die 16 Fahrradfahrer – allesamt ohne Migrationshintergrund –, die mir heute rasant und ohne schlechtes Gewissen auf den Gehwegen entgegenkamen, mich fast umfuhren, möchte ich nur vollständigkeitshalber erwähnen. Von ihnen bekam ich fast immer dasselbe zu hören: „Ist denn das Fahrradfahren auf dem Gehweg verboten?“, oder: „Kümmern Sie sich lieber um wichtigere Dinge!“ – in der Mehrzahl verbunden mit dem Hinweis, wie ökologisch wertvoll ihr Beitrag zum Straßenverkehr sei. Ihr persönlicher „Persilschein“ für jegliche Verkehrsverstöße.“ (tagesspiegel.de vom 1.6.2010 Was ein Polizist auf Streife in Neukölln erlebt)

Prima, nun ist der Neukölln-Bericht „vollständig“ und es wird ganz ausdrücklich betont, das auch perfekt hochdeutsch sprechende Menschen ohne Migrationshintergrund frech gegenüber Polizisten sind. Aber woher weiß der Autor, dass die RadfahrerInnen alle ohne Migrationshintergrund waren? Fehlender Slang? Sonnenbrand?

Halt halt halt, hier geht es nicht um Informationen, sondern um Eindrücke. Schließlich soll in der ganzen Polizeirespekt-Diskussion endlich mal einer der geschädigten Repräsentanten jener Polizei zu Wort kommen, die sonst von den Medien eher kritisch beäugt wird.

Zu tiefes journalistisches Vordringen in die Materie, zu viel kritisches Nachfragen würde nur die grundlegenden Probleme verschleiern. Längerfristige Betrachtungen der Berliner Polizeiarbeit, Bewertungen über Erfolge und Misserfolge von Strategien der Berliner Polizei, kritische Berichte über Polizeiausbildung, -strukturen, über die finanzielle Situation sind unnötig. Ganz zu schweigen von Background-Infos über fehlende Bildungs- und Sozialstrukturen in Berlin, überforderte Lehrer, überfüllte Schulklassen … das alles würde nur den echten Kern des Problems verschleiern. „Ich fahren Daimler – und jetzt?“ beschreibt das eigentliche Problem am besten. Darum: Was ein Polizist auf Streife in Neukölln erlebt (tagesspiegel.de vom 1.6.2010).