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Von wegen Selbstkritik: UNO-Menschenrechtsrat stellt Fragen an Deutschland

Deutschland muss sich von anderen UNO-Mitgliedsstaaten am heutigen Donnerstag im Menschenrechtsrat kritische Fragen stellen lassen. Alle UNO-Mitgliedsstaaten werden wohl regelmäßig auf diese Weise befragt, um gravierende Menschenrechtsverstöße aufzudecken und Empfehlungen für deren Beseitigung zu geben. Neben Übergriffen durch die Polizei und die Situation der Frauen in Deutschland sind Rassismus und die terroristischen Morde des NSU Themen der Fragen. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP) sagte laut taz zu den bevorstehenden Fragen:

„Wir stellen uns diesem Verfahren mit großer Ernsthaftigkeit, damit es auch andere Regierungen tun, und stellen damit unsere Fähigkeit zur Selbstkritik unter Beweis“ (taz.de: Bundesregierung im Kreuzverhör)

Diese Ansage vom deutschen Menschenrechtsbeauftragten ist ziemlich überheblich. Was hat Deutschlands Selbstbild als Musterschüler mit der Befragung durch das UN-Gremium zu tun? Es gibt mit den oben genannten Themen ja offenbar ausreichend Stoff für eine Befragung. Im besten Fall können deutsche Behörden durch die Befragung etwas über die Menschenrechtssituation in Deutschland lernen. Stattdessen wird schon im Vorfeld auf “andere Regierungen” verwiesen.

Außerdem ist der Begriff Selbstkritik, wenn er auch ins Selbstbild passt, logisch falsch. Es kann berechtigte Kritik von anderen UNO-Mitgliedsstaaten erwartet werden, aber das hat nichts mit Selbstkritik zu tun. Schon gar nicht angesichts einer solchen regelmäßig stattfindenden Befragung aller UNO-Mitgliedsstaaten. Die Themen der Befragung — sowie die Rüge der Antirassismuskommission der UNO vor ein paar Tagen (CERD-report, english, pdf) — sind eher ein Hinweis darauf, dass der angebrachte Zeitpunkt für Selbstkritik von deutschen Behörden längst überschritten wurde.

Von nützlichen und unnützen Menschen

Panorama berichtete am 7.3.13 von der Ausbeutung rumänischer und bulgarischer Menschen in der deutschen Arbeitswelt. Nach einem kurzen Einspieler mit aktuellen polemischen Zitaten des deutschen CSU-Innenministers Hans-Peter Friedrich spricht Anja Rechke einleitend zum Beitrag von den “übelsten Bedingungen”, unter denen Menschen aus Rumänien und Bulgarien in Deutschland arbeiten:

“Andersrum wird nämlich ein Schuh draus. Nicht die Zuwanderer beuten uns aus, sondern wir beuten die Zuwanderer aus” (ARD/ PANORAMA).

Der Panorama-Beitrag richtet seinen Fokus auf die Ausbeutungsverhältnisse in deutschen Betrieben. Entgegen der von Friedrich verbreiteten Mär von sozialleistungsbeziehenden Menschen aus Rumänien und Bulgarien sagt der Beitrag: “Die arbeiten doch hier. Und zwar hart”. Darin schwingt eine gefährliche Logik mit.

Es ist ja ein gutes und notwendig scheinendes Anliegen, der von Friedrich verbreiteten diffusen Stimmung mal Fakten entgegenzusetzen. Problematisch wirds bloß, wenn dabei die von Friedrich reproduzierten Kategorien zur Einteilung einwandernder Menschen übernommen und so als Prämisse zur Diskussion über Einwanderung akzeptiert werden. Wesentlicher Kern dieser Rhetorik ist die Herabwürdigung einwandernder Menschen zu Kostenfaktoren. (D’accord, die betrifft in anderen Fällen nicht nur einwandernde Menschen, aber es geht konkret um Friedrichs Rhetorik hier.) Dieser Einteilung von Einwanderung in Kategorien wie nützlich und unnütz sitzen Medien auf, wenn sie die Anzahl entlohnter unter den einwandernden Menschen als Kriterium übernehmen, nur um das Gegenteil von Friedrichs Aussage zu beweisen. Das ist ein Problem. Wenn alle nur noch in Kategorien nützlicher versus unnützer (sozialstaatsbelastender, Armuts-) Einwanderung argumentieren, sitzen wir in der Falle. Ich mein es gibt sicher Leute, die das so wollen, aber wenn das eine Mehrheit wird, sind fundamentale Grundrechte völlig über’n Haufen. Und darum kritisierte TheGurkenkaiser zurecht, dass die sich selbst als links (zumindest anti-rechts) verortende Seite Publikative.org in einem Artikel genau diese nationalökonomische Einteilung zur Bewertung von Einwanderung übernimmt. So ist bei Publikative.org ein Satz möglich wie dieser:

“Die Freizügigkeit innerhalb der EU kann neben vielen Vorteilen eben auch dazu führen, dass arme Menschen nach Deutschland kommen, die das deutsche Sozialsystem belasten.” (Publikative.org)

Was sind EU-Rechte wie die “Freizügigkeit” (die bereits Menschen aus Nicht-EU-Ländern diskriminieren) noch wert, wenn sie sogar innerhalb der EU für Menschen aus Rumänien und Bulgarien infrage stehen? Für “arme Menschen”? Das muss es wohl sein, wofür ein Begriff wie “Zeitgeist” erfunden wurde, der sich zu dem Thema sonst eher bei Spiegel Online herumtreibt.

Der o.g. Panorama-Beitrag stellt die Rechte der einwandernden EU-Bürger*innen bei weitem nicht so drastisch infrage, wie SpOn oder das Publikative-Zitat. Trotzdem hätte ich mir jetzt allmählich auch die Thematisierung der Rechtsaußen-Rhetorik selbst gewünscht, die ja vor dem Panorama-Beitrag extra plakativ eingespielt wurde. Es bleibt in Friedrichs Logik, wenn wieder nur die Betroffenen ins Spiel gebracht werden, um das Gegenteil seiner Aussage zu beweisen. Stattdessen gehören wirkmächtige Akteure wie der deutsche Innenminister und ihre entmenschlichende Rhetorik selbst in den Fokus. Akteure, die sonst von angeblich europäischen Werten der Gleichbehandlung erzählen. Das wäre aber vielleicht etwas unangenehm, weil es an das in Deutschland verbreitete Selbstbild von einer Gesellschaft ginge, die solche Werte lebe (nicht nur aufschreibt!). Eigene Nase.

Tatort Rassismus

Im gestrigen Tatort “Melinda” kamen Charaktere aus einem nicht weiter benannten “nordafrikanischen Land” vor, die auf plumpe Weise stereotyp rassistisch dargestellt wurden. Regie führte der Tatort-erfahrene Hannu Salonen, der schon bessere Filme als “Melinda” gemacht hat.

OK, in Melinda waren alle Charaktere überzeichnet, somit können auch die für “Nordafrika” stehenden Figuren nicht so bierernst genommen werden — doch! Denn diese standen kollektiv für das gewalttätig Böse überhaupt, abgesehen von ihrem Opfer, dem Mädchen Meldinda. Die Figuren um das Tatort-Team behielten bei aller Überzeichnung nämlich ihre Individualität, standen jeweils mit eigenen Persönlichkeitsmerkmalen für sich und waren untereinander klar abgegrenzt. Dagegen besaßen die arabischsprechenden Männer untereinander keine charakterlichen Abstufungen und standen gemeinsam homogen für Kriminalität, Gewalt, Skrupellosigkeit, Kindesmissbrauch … Dazu gehörten alle arabisch markierten Figuren des Films. Die Ausnahme bildete das hilflose Mädchen, das von den deutschen Polizist*innen gerettet werden muss. Plumper geht’s nicht.

Symbolhaft für diese Darstellungen war die Szene mit den Bildern der Krankenhaus-Überwachungskamera: Der Dolmetscher läuft mit dem Erstickungs-Tatmittel Handtuch über den Krankenhausflur und schaut, ganz typisch für einen Menschen mit Mordabsicht, lange direkt in die Überwachungskamera. Dabei zieht er zu allem Überfluss eine fiese Fratze in bester Disney-Manier. Hier Leute, einen der das Böse derart in sich trägt braucht ihr nur genau anzusehen!

Zur Stereotypisierung der Figuren trug ferner bei, dass ihr Herkunftsland unerwähnt blieb. “Ein nordafrikanisches Land” hieß es die ganze Zeit. Ein Land, dessen Namen das Filmpublikum also für den Kontext der Story nicht kennen braucht. OK, Arabisch wird dort gesprochen. Mit anderen Worten: Eines dieser Länder eben, da unten, ihr wisst schon. Über die braucht ihr nichts weiter wissen als: Arabischsprachig, Afrika, böse, böse und böse. Ziemlich billig für eine traditionsreiche nordeuropäische Krimiserie. Zumal in einem Deutschland, das sich gerade als Hausaufgabe selbst gestellt hat, Rassismus in den Medien zu reflektieren.

Die dramaturgischen Rollenbezeichnungen sprechen auch Bände. So wird die weibliche Figur, die sich als Melindas Mutter ausgibt, in der Besetzungsliste als “Afrikanische Mutter” benannt. Während andere Figuren Namen haben oder sogar Berufsbezeichnungen, reichen für diese weibliche Figur die Attribute Kontinent und Eigenschaft als Mutter, also Rassifizierung und Typisierung. Ich will nicht wissen, wie das Casting war.

Der Schauspieler Kida Khodr Ramadan, der in “Melinda” einen der bewaffneten Gangster spielt, sprach in einem Interview 2010 über die Schwierigkeit, als Schauspieler*in mit der Markierung “Migrationshintergrund” klischeefreie Rollen in Deutschland zu finden. Ramadan, der seine Kindheit in Kreuzberg verbrachte und neben Arabisch auch akzentfreies Deutsch und Berliner Dialekt spricht, durfte im gestrigen Tatort einmal mehr den gebrochen Deutsch sprechenden Araber mimen. Im Cast von “Melinda” ist er aber nicht gelistet. Vielleicht ja auf ausdrücklichen Wunsch.

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Zu rassistischen Klischees im deutschen Fernsehen berichtete ZAPP Ende 2011 mal:

[Video leider von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten depubliziert]

“Das ist rassistisch.” — “Das ist Zensur!”

Ja ich dachte auch die 90er und das N-Wort sind vorbei. Nun musste ich wieder was über Deutschland lernen: Das N-Wort ist erhaltenswert, alles andere Zensur. Überraschung? Es ist peinlich, dass der Thienemann-Verlag sich dafür rechtfertigen muss, weil er seine redaktionelle Verantwortung ernst nimmt.

Als ob gerade Englisch als erste Amtssprache eingeführt werden soll gehen deutsche Zeitungen in Frontstellung, um das N-Wort zu verteidigen. Und die von dem Wort Betroffenen werden gar nicht erst in die Diskussion einbezogen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Rassismus hierzulande großgeschrieben wird. Also das Thema. Ähm. Naja. Die überschaubare Anzahl an vernünftigen Stimmen zu dem Thema hat der braune mob gesammelt und verlinkt.

So viel noch: Zensur wird über institutionelle Macht ausgeübt, um Meinungen zu unterdrücken, die den Macht-Ausübenden gefährlich scheinen. In der aktuellen Debatte ist das Gegenteil der Fall: Von Mainstream-Medien wird der Zensurvorwurf gegen eine Randposition erhoben. Nach mehreren Deutschlands mit echter Zensur ist das eine gewagte These von unserer “vierten Gewalt”. Beschämend nicht nur dass, sondern auch mit welchen dirty tricks deutscher Journalismus 2013 das Recht auf Rassismus verteidigt.

Ähm ZEIT, soll das etwa provokant sein?

In der Diskussion über unzeitgemäße Sprache will die Wochenzeitung ZEIT auch Aufmerksamkeit: Das N-Wort prangt in riesigen Lettern auf dem aktuellen Print-Cover. Ich würd sagen in Deutschland ist alles beim Alten, noch älter als ich dachte sogar. Wahrscheinlich hält sich die ZEIT-Redaktion aber sogar noch für provokant, wenn sie mit dem rassistischen N-Wort auf dem Cover riskiert, Schwarze Menschen ohne Vorwarnung zu verletzen. Das ist auf gar keinen Fall provokant, es ist bequem und Mainstream, es reiht sich ein in bestehende, verkrustete Strukturen, es folgt dem Recht auf Rassismus in Deutschland, es steht im Regal neben nationalen Bestsellern von Sarrazin und Buschkowsky, denen die Zustimmung eines großen Teils der deutschen Leser*innen gehört. Wie mutig, ZEIT!

update: Anneke Gerloff von Bühnenwatch hat sich der betreffenden Ausgabe der ZEIT ausführlich gewidmet.