Signal, 10.5.2010

ROLLMOL


Zunächst rollt ein Film – und zwar der Cannes-Palme-Gewinner von 2007: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage gibt es am Mittwoch (12.Mai 2010) um 21:45 in deutsch synchronisierter Version bei arte. Der Film ist äußerst empfehlenswert. (Wdh. am 16.5.10 um 1:05)

Und dann rollt ab morgen das MOLDOVAmobil durch Berlin:

Screenshot MOLDOVAmobil.eu


Eröffnung ist Dienstag (11.5.10 um 18:30) am Gendarmenmarkt und in den folgenden drei Monaten fährt das Multimedia-Moldova-Museum folgende Stationen in Berlin an: Goethe-Institut (Mitte, Neue Schönhauser Straße 20, 18.5., 19:00), Museumsinsel (Mitte, Am Lustgarten 1, 20.-26.5.), Haus der Kulturen der Welt (Tiergarten, John-Foster-Dulles-Allee 10, 27.5.-2.6.), Brotfabrik (Weißensee, Caligariplatz 1, 3.-9.6.), Werkstatt der Kulturen (Neukölln, Wissmannstraße 32, 10.-16.6.), Europäische Akademie (Grunewald , Bismarckallee 46-48, 14.6., 19.30), DAAD Galerie (Mitte, Zimmerstraße 90/91, 18.6., 19:00), Schwartzsche Villa (Steglitz, Grunewaldstraße 55, 24.-30.6.), Hegelplatz (Mitte, HU Berlin, Dorotheenstraße 24, 30.6.-9.7.) und ifa-Galerie (Mitte, Linienstraße 139, 15.7., 19 Uhr). Mehr Infos zum MOLDOVAmobil-Programm HIER.

Z***baron, Judenzins und N***kuss

Für den Deutschen Presserat ist die Bezeichnung “Z***baron” nicht diskriminierend, sondern ein “musikhistorisch-literarischer Vergleich”.


In Uwe Klußmanns Artikel zur politischen Lage in der Republik Moldova vom April 2009, Europas Armenhaus wird zwischen Ost und West zerrieben, war mir die Verwendung rassistischer Stereotype unangenehm aufgestoßen (Medien machen Moldau). Im Zusammenhang mit der Korruption des “Familienclans um den Präsidenten Wladimir Woronin” vergleicht er diesen mit einem “Z***baron”. Begriffe wie “Woronin-Clan”, “clevere KP-Ideologen” und ihre “Taschenspieler-Art” bestimmen die persönliche Note Klußmanns zur Beschreibung der politischen Lage in Moldova.


Screenshot von: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,619586,00.html


Insbesondere die Bezeichnung “Z***baron” trägt in dem Zusammenhang eine rassistische Konotation. Die von Klußmann aufgeführten negativen Eigenschaften Woronins (Misswirtschaft, Korruption, Clanstruktur, Bonzentum) werden mit einem ethnischen Attribut versehen. Wohlgemerkt geht es gar nicht um Roma in dem Artikel, sondern um einen Menschen, der als schlecht dargestellt werden soll – hierfür appelliert Klußmann mit dem Begriff “Z***” an die beim Leser vermuteten Vorurteile. (Ein Franzosenbaron oder Schwedenkönig etwa würde die erwarteten Assoziationen nicht erbringen).

Der Deutsche Presserat, die moralische Hüterin journalistischer Standards in Deutschland, ist anderer Meinung. Im Antwortschreiben auf meine Beschwerde zum Klußmann-Artikel heißt es:

“Der Autor verwendet einen musikhistorisch-literarischen Vergleich: Der amtierende Präsident Wladimir Woronin als “Z***baron”. Der Vergleich mag unglücklich gewesen sein, eine Herabsetzung aller mit “Z***” umschriebenen Angehörigen der Gruppe der Roma enthält er allerdings nicht.”

Die “musikhistorisch-literarische” Aufladung des “Z***baron”-Vergleichs ergibt sich für den Presserat scheinbar aus der gleichnamigen Strauss-Operette. Dass die Verwendung des Begriffs dadurch weniger rassistisch wird, glaube ich nicht. Im Gegenteil: Brigitte Mihok und Peter Widmann beschäftigen sich mit den fest etablierten, traditionellen Vorurteilen gegenüber “Z***”. Diese Geschichte eines europäischen Rassismus ist weit mehr als nur “unglücklich”

Weil ein rassistisches Stereotyp eine literarische oder “musikhistorische” Tradition hat, ist es keinesfalls weniger rassistisch. Oder würde man bei Spiegel-TV “Zehn Kleine Negerlein” als Vergleich für irgendeine Situation heranziehen, nur weil es ein traditionelles Lied ist?

Der N***kuss ist aus den Läden verschwunden. Die Z***sauce noch nicht. In diesem Sinne repräsentiert der Presserat den gegenwärtigen Umgang mit rassistischer Bildsprache.

Würden Begriffe wie “Judenzins” und “Wucherer” in einem antisemitischen Artikel zur Finanzkrise vom Presserat gerügt werden? Oder rassistische Begriffe wie “Kanackenbande” und “Negerkriminalität”, wenn es um Polizeistatistiken geht? Sicherlich, denn diese Begriffe geben Problemen eine unberechtigte ethnische Dimension: Sie lassen Zusammenhänge zwischen Banken und Juden oder Kriminalität und “Ausländern” als zwangsläufig erscheinen und reduzieren die bezeichneten Gruppen auf negative Zusammenhänge. Entsprechendes Vokabular ist darum zurecht geächtet.

Aber der Z***baron zur Veranschaulichung von Clan-Korruption? Da blicken wir auf eine musikhistorische, literarische Tradition zurück, die so schnell nicht zerstört werden soll.


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Entscheidungen in Moldova

In der Republik Moldau befindet sich eine neue Regierung im Entstehungsprozess


Gestern wurde die Visumpflicht für Rumänen aufgehoben, die von den Kommunisten kurz nach den Protesten im April eingeführt worden war. Damit hob Mihai Ghimpu die nicht nur in Moldova umstrittene Grenzregelung wieder auf. Indes soll auch die Position Ghimpus eines (nicht vom Parlament gewählten) formalen Übergangs-Präsidenten vom moldauischen Verfassungsgericht als rechtmäßig bestätigt worden sein. Vlad Filat wurde jetzt zum offiziellen Kandidaten für das Amt des Premierministers, und damit des Regierungsführers, nominiert.

Die neue Regierungs-”Allianz für europäische Integration” will die Ministerien neu strukturieren. Unter anderem soll es ein Ministerium für Jugend und Sport geben (der Bereich Jugend war zuvor Teil des Bildungsministeriums) – nach Protesten von Jugendverbänden nun sogar ohne die ursprünglich geplante Verschmelzung mit dem Tourismusministerium. Daneben soll die Grenzsicherung zukünftig dem Finanzministerium unterstehen, was die Kommunisten kritisierten, die damit die Sicherheitsinteressen der Menschen in der separatistischen Region Transnistiren gefährdet sehen. Sowieso soll nun auch das Ministerium für territoriale Reintegration aufgelöst werden und als Staatsbehörde weiter existieren. Die neue Regierung sieht darin eine Verbesserung der Verhandlungsposition mit Blick auf Transnistrien, die Kommunisten hingegen werfen der neu entstehenden Regierung fehlendes Interesse an der Suche nach einer Lösung des Transinistrien-Problems vor. (Alles u.a. hier)

Für großes Aufsehen sorgte auch die neue Regelung, nach der moldauische Regierungsmitglieder neben der moldauischen zukünftig auch andere Staatsbürgerschaften haben dürfen sollen.


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Mihai Ghimpu übernimmt das Steuer

Mihai Ghimpu ist seit der heutigen Parlamentssitzung formal und offiziell geschäftsführender Präsident der Republik Moldau


Nachdem Vladimir Voronin seinen Rücktritt bereits vor einigen Tagen erklärt hatte, gab er nun formal alle Funktionen als amtierender Präsident ab. In der heutigen Parlamentssitzung wurde daraufhin das Amt des Präsidenten für vakant erklärt. Nach der Feststellung, die Republik Moldova solle nicht eine Sekunde ohne Staatschef sein, wurde wenige Sekunden später der derzeitige Parlamentsvorsitzende Mihai Ghimpu zum Übergangspräsidenten Moldovas erklärt.

Der moldauische Staat befindet sich seit den zweiten Parlamentswahlen diesen Jahres vom 29. Juli noch immer in einer Übergangsphase. Das Wahlergebnis lässt nur wenig Spielraum. So entstand ein Zweckbündnis namens “Allianz für eine europäische Integration” aus den im Parlament vertretenen Oppositionsparteien, um ein Weiterregieren der nach wie vor stark vertretenen Kommunisten um Voronin zu verhindern.

Die reine Sitzmehrheit zur Regierungsbildung ist der neuen Europa-Allianz mit 53 von 101 Mandaten zwar gegeben, allerdings fehlen acht Stimmen für die 61 Mandate, die nach der moldauischen Verfassung zur rechtmäßigen Wahl eines neuen Staatspräsidenten nötig sind. Für die acht Stimmen ist man auf die Kommunisten angewiesen.


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Vladimir Voronin nicht mehr moldauischer Staatspräsident

Der zähe Regierungswechsel in der Republik Moldova wurde heute von einem entscheidenden Schritt des bisher amtierenden moldauischen Staatspräsidenten begleitet


Nachdem es zunächst so aussah, als würden die Kommunisten Moldovas die Bildung einer neuen Regierung und entsprechende Verhandlungen blockieren, scheint der Weg jetzt frei: Vladimir Voronin gab bekannt, seinen Posten als moldauischer Präsident aufzugeben und in die parlamentarische Opposition zu wechseln. Ob das Amt des Staatspräsidenten ihm überhaupt noch zustand, war juristisch umstritten. Vor der eigenen Partei verlautbarte er heute:

“In meiner Eigenschaft als Parteivorsitzender beabsichtige ich nicht, in diesem für die Heimat und für die Partei kritischen Moment, weiterhin in einer doch sehr fraglichen und uneindeutigen Situation als amtierender Präsident zu bleiben. Weder habe ich die moralische noch die politische Basis zur formalen Ausübung dieser hohen Staatsfunktion. Ich lehne den Weg vehement ab, auf den die [anderen Parteien, Anm.d.V.] unser Land führen wollen. Daher wechsle ich ins Parlament und übernehme die Eigenschaft als Abgeordneter, um zusammen mit der Partei, zusammen mit der Fraktion zu sein. Ich werde mit Ihnen an der vordersten Frontline dabei sein.” (Zitiert und übersetzt von hier)

Eine andere Entscheidung blieb Vladimir Voronin ja ohnehin nicht, zumal die Zeit und die Opposition bereits Druck ausübten. Nun hat er diesen Moment wenigstens noch für eine kleine moralische Theatervorstellung genutzt.

Derweil steht die Europa-Allianz der ehemaligen Oppositionsparteien in den Startlöchern. Die Regierungsbildung sollte zwar formal kein Problem werden, nur für die Präsidentenwahl fehlen den Nicht-Kommunisten ausreichend Stimmen im Parlament. Außerdem blockierte und boykottierte die kommunistische Fraktion in den letzten Tagen Parlamentssitzungen. Der erste Schritt zur Institutionalisierung der neuen Kräfteverhältnisse ist aber getan, indem mit Vlad Filat (sorry) Mihai Ghimpu ein nicht unumstrittener liberaldemokratischer Politiker zum neuen Parlamentspräsidenten gewählt wurde.


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Ion Sturza – von Rompetrol zu Molpresed?

Man hört es munkeln aus dem nicht mehr ganz Dunkeln zu Moldovas neuem ersten Mann


Jeder trägt sein Päckchen. Ion Sturza ist ein Mann, der ein großes Päckchen trägt. Er entstammt dem moldauischen Bojarengeschlecht Sturdza und sieht sich wohl gerade mit der Frage konfrontiert, ob er noch einmal politisch aktiv wird. Im medialen Buschfunk wird er bereits als moldauischer Präsidentschaftskandidat gehandelt, der von Kommunisten und Allianz gleichermaßen akzeptiert werden könnte.

Als er 1999 einige Monate lang moldauischer Ministerpräsident war, hatte er einen Teil seiner Karriere schon hinter sich. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler bekleidete offenbar bereits zu Sowjetzeiten höhere Ämter, darunter ein sehr hohes im Außenhandel. Heute hat er aber die Politik komplett gegen die Wirtschaft eingetauscht und sitzt, auch hier weit oben, beim (ursprünglich einmal rumänischen) Ölkonzern Rompetrol.

Zu alt ist Sturza mit 49 Jahren ganz bestimmt nicht für den Präsidentensessel, es geht wahrscheinlich eher um die Lust. Einem Mann aus der Wirtschaft wird man ein Angebot machen müssen. In einem Interview meint er zu den Spekulationen um seine Person:

“Ich habe sehr viel Arbeit in Wien und mich riefen dieser Tage viele Bekannte an, mit denen ich über dieses Thema gesprochen habe. Ich habe über einen solchen Vorschlag nicht einmal nachgedacht und ich sage Ihnen aufrichtig, dass mich die Funktion als Präsident der Republik Moldau nicht reizt. Generell bin ich kein Mensch, der für Funktionen schwärmt.” (Zitiert und übersetzt von hier)

Diese klaren Worte lassen eigentlich keinen Raum für Spekulationen. Dafür eine neue Meldung: Ion Sturza soll gestern in einem Chişinăuer Restaurant mit dem Liberaldemokraten Vlad Filat gespeist haben. Was sie besprochen haben, weiß niemand. Fest steht nur: Vlad Filat ist ein Bekannter von Ion Sturza.


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Wie wird Voronin voten?

Moldovas neue Allianz versus Voronins Joker


Die vier Oppositionsparteien wollen eine Koalitionsregierung bilden, unter der Überschrift “Allianz für europäische Integration”. Noch aber stehen Gespräche mit den Kommunisten aus, und die beginnen erst, wenn Vladimir Voronin aus dem Urlaub zurück ist. Vorher können keine neuen Ämter besetzt werden.

Fünf zentrale Ziele der neuen Allianz stehen aber schon fest. Zunächst soll die Rechtsstaatlichkeit wiederhergestellt werden, dabei wird auch auf eine gründliche Überprüfung der April-Ereignisse abgezielt. Dann steht die Überwindung der “sozial-ökonomischen Krise” samt Sicherung von Wirtschaftswachstum auf dem Plan, ein Ziel aller Länder der Welt. Ein drittes Thema ist die Wiederherstellung bzw. das Vorantreiben staatlicher Dezentralisierung mit lokaler Autonomie und an vierter Stelle wird die territoriale Reintegration der Republik Moldau genannt – beides Punkte, die mit Blick auf die abtrünnige Provinz Transnistrien interessant in ihrer Umsetzung werden können. Den fünften und letzten Punkt bildet die Integration in die Europäische Union einschließlich einer darauf abzielenden Außenpolitik. Als erste Amtshandlung soll auch die von Voronin neulich eingeführte Visapflicht für Rumänen wieder aufgehoben werden.

Die vier Parteien demonstrierten bei ihrem heutigen Auftritt Einigkeit (siehe hier). Mit den Kommunisten wollen sie nicht verhandeln, aber den Dialog suchen. Der ist auch unvermeidbar, denn die vier haben zwar die Parlamentsmehrheit und damit das Recht zur Regierungsbildung, für die Ernennung eines neuen Staatspräsidenten reicht es aber nicht. Die dafür noch fehlenden acht Mandate erhofft man sich von den Kommunisten. Mihai Ghimpu von der Liberalen Partei erwartet sogar mehr:

“Die Kommunisten müssen nicht nur mit 8, sondern mit sämtlichen 48 Stimmen für die Wahl eines neuen Präsidenten votieren. So können sie demonstrieren, dass sie tatsächlich Patrioten sind, dass sie ihr Vaterland lieben und dass sie für dessen Volk nur das Beste wollen.” (Zitiert und übersetzt von hier)

Wessen Erwartungen erfüllt werden und wessen nicht, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Ohne die acht kommunistischen Mandate jedenfalls geht nichts, sie bleiben Voronins Joker.


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Republik Moldau, Wahlen 2009 Teil II

Grund zum Feiern in Moldova?


Die Opposition in der Republik Moldova hat den Kommunisten bei den jüngsten Parlamentswahlen (am letzten Mittwoch) fünf Prozent Verlust beschert. Eine zukünftige Regierungskonstellation ist aber unklar. Die taz titelte trotzdem unmissverständlich: Sieg für Opposition und auch die Deutsche Welle klang ähnlich: Oppositionsparteien gewinnen Parlamentswahl in der Republik Moldau. Aber wer kann sich wirklich freuen?

Diejenigen, die im April in Chişinău auf die Straße gingen, werden aufatmen, dass die absolute Mehrheit der Kommunisten gebrochen ist. Voronin bekam am Mittwoch mit 44,69% knapp fünf Prozent weniger als im April (49,48%), und zwar bei einer Wahlbeteiligung von einem guten Prozent mehr als im April (58,8% gegenüber 57,6% im April). Die nächststärkste Partei nach den Kommunisten sind die Liberal-Demokraten mit 16,57% – und das ist das eigentlich Nachdenkenswerte: Die Kommunisten verloren nach den Protesten im April nur fünf Prozent und konnten sich damit am letzten Mittwoch wieder als haushoch führende, stärkste politische Kraft in Moldova positionieren. Wahltricks und das parteiische Staatsfernsehen mögen einen Teil der hohen Stimmenzahl erklären, aber Tatsache bleibt trotzdem, dass die Kommunisten noch immer großes Vertrauen in weiten Teilen der Bevölkerung genießen, trotz (oder wegen?) ihrer autoritären Gebärden gegenüber den Protestierenden im April.

Vielleicht sehen viele Moldauer tatsächlich in den Kommunisten einen Garant für Stabilität. Sowjetnostalgie hin oder her, die regierenden Kommunisten haben sicherlich keine anti-europäische Linie verfolgt. Seit Mai diesen Jahres ist Moldova Teil der unter EU-Führung entstandenen “Östlichen Partnerschaft” und das 1998 mit der EU ausgehandelte Kooperationsabkommen hat Voronin auch nicht aufgekündigt. Man mag Voronin als Stratege bezeichnen. Oder als Realpolitiker.

Moldova sucht sich, wie jeder europäische Staat, aus verschiedenen Optionen innerhalb der politischen Sphäre seinen Weg selbst aus. Wem es aufstößt, dass Voronin sich politisch bei Putin Beratung holte statt bei Barroso oder Bush, der hängt offenbar den Feindbildern des Kalten Krieges nach. Seit Voronin herrscht in Moldova eine besonders investorenfreundliche Wirtschaftspolitik. Nach Robert Baag vom Deutschlandfunk praktizieren die moldauischen Kommunisten sogar “einen recht robusten Kapitalismus” (Republik Moldau hat erneut die Wahl).

Bisher ist noch unklar, ob sich die vier neben den Kommunisten ins Parlament gewählten Parteien auf eine Regierungskoalition einigen – unter den vier befindet sich auch die vom abtrünnigen Kommunisten Marian Lupu angeführte Demokratische Partei. Eine bisher von allen ausgeschlossene (aber sicher nicht unmögliche) Option wäre die Koalition einer der vier Parteien mit den Kommunisten. Werden Voronin und Lupu wieder ein Team? Oder schafft es Lupu an die Spitze einer Vierer-Koalition, die eine rein kommunistische Opposition bedeuten würde? Noch ist alles offen …


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Arrangierte Revolutions-Symbolik

Ein Staat inszeniert seine Feinde


Wir erinnern uns: Im Rahmen des Sturms auf das moldauische Präsidentenamt in Chişinău am 7. April 2009 wurden eine rumänische und auch eine EU-Fahne von Protestierenden auf dem Dach gehisst. Unklar war, wie die Protestierenden, an den Sicherheitskräften vorbei, auf das Dach gelangten, um dort unter den Augen der daneben stehenden Polizisten die Flaggen zu hissen (Weiter Unklarheit in Chişinău).

Der stellvertretende Parlamentspräsident Vladimir Ţurcan, der eine Untersuchungskommission zu den Ereignissen des 7. April 2009 leitet, hat eine Erklärung: Er selbst habe mit fünf Protestierenden verhandelt und diesen den Zugang zum Dach gewährt, wie er in einem Interview sagte (Vladimir Turcan a negociat arborarea …). Er erhoffte sich von der Erlaubnis die Beruhigung der Massen und Deeskalation, gibt er an. Wohlgemerkt war es gerade das Hissen ausländischer Flaggen, das von der moldauischen Regierung, insbesondere Vladimir Voronin, im Nachhinein als staatsfeindlicher Akt eingeordnet wurde.

Nun taucht ein Video auf, das den Skandal noch größer werden lässt: In einem gefilmten Gespräch ist zu sehen, dass Vladimir Ţurcan seinerseits es ist, der die Protestierenden darum bittet, hinaufzuklettern und die Flaggen zu hissen (IMAGINI ŞOC: Ţurcan …). Also kamen die Flaggen doch nicht vom Druck der Straße, sondern auf ausdrücklichen Wunsch der Regierung dort aufs Dach.

“… was ich sehen will: ihr macht euren Ausruf, klettert hoch und bringt sie an …”

Damit entpuppt sich die staatsfeindliche und Pro-Rumänien/EU-Symbolik einmal mehr als vorsätzlich inszenierter Zirkus, mit dem Voronin die protestierenden Menschen in Misskredit zu bringen versuchte. Ob das Skandal-Potential jetzt ausgeschöpft ist?


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Medien machen Moldau

Was Spiegel Online zu unserem Bild von einem Land (und von dem der Roma) beiträgt


Über “ferne Länder” kann man sich oft nur indirekt informieren. Ein Mitteleuropäer, der nicht selbst an einen Ort reist oder mindestens Menschen von dort kennt, wird über diesen vornehmlich aus den Medien informiert. So entsteht ein Bild im Kopf der Zielgruppe von Medien, das schnell mit der Realität verwechselt wird, obwohl es zunächst nicht mehr als das Bild der vermittelnden Journalisten ist. Da diese Bilder nicht die Realität sind, müssen sie kritisch durchleuchtet werden.

Was für “ferne Länder” gilt, ist auch für europäische Länder zutreffend, die einzig mit Schlagworten wie Korruption, Kriminalität und Krieg hier und da für Aufsehen in der deutschen Presse sorgen. Eine mediale Instanz ist wohl der Spiegel, der als eines unter sehr wenigen “Meinungsbildern” hin und wieder über die Republik Moldau informiert. Während in vielen Zeitungen Randnotizen über die Ereignisse nach den umstrittenen Wahlen gelesen werden konnten, versucht Uwe Klußmann in seinem Spiegel-Online-Artikel Europas Armenhaus wird zwischen Ost und West zerrieben vom 19.4. Hintergrundinformationen zu liefern – auf eigene Weise.

Sein Artikel vermittelt einmal mehr den Eindruck, die meisten Einwohner der Moldau wünschten einen sofortigen “Anschluss” an Rumänien. Dass ausgerechnet dieses Bild von Vladimir Voronin, dem kommunistischen Präsidenten und Sieger des angefochtenen Wahlergebnisses, persönlich mit aufgebaut wurde, das schreibt Klußmann nicht. Dabei wurde längst enttarnt, dass es eigens vom Staat zu Show-Zwecken eingesetzte Provokateure waren, die nach Vereinigung riefen und rumänische sowie EU-Flaggen schwenkten (siehe Weiter Unklarheit in Chişinău). Es ist gar nicht sicher, dass die demonstrierende Masse viel mehr wollte, als einfach nur über die schmutzigen Wahltricks der Regierungspartei aufgeklärt zu werden und faire Neuwahlen zu fordern. Das Bild der staatsgefährdenden Großrumänien-Anhänger entstand im Interesse Voronins, der seine autoritären Gebärden so angesichts eines vermeintlichen rumänisch gesponserten Putsches rechtfertigen konnte. Dass nun das Bild der Vereinigungs-Provokationen sogar bei Spiegel Online auftaucht, bedeutet sicher einen medialen Erfolg für Voronin.

Die zurecht kritisierte Korruption der Regierenden in Moldova ruft bei Klußmann weitere Bildhaftigkeit auf den Plan. Feuilletonistische Ausdrucksweisen wie der “brummelige Bonze” mögen zum Schmunzeln anregen, wobei generell interessant ist, ob solche etwas herabschauenden Formulierungen in der deutschen Pressesprache auf Berichte über bestimmte geografische Räume reduziert sind. Schwieriger wird es dann schon mit dem Begriff “Clan” und dem “Z***baron”, an den sich Klußmann von Voronin erinnert fühlt. Wird hier an die beim Leser vorausgesetzten rassistischen Vorurteile appelliert?

Warum sonst werden hier die “Z***” erwähnt? Und welches Bild sollen diese genau implizieren? “Machenschaften”? “Unzivilisiertheit”? “Die Wilden da unten”? Genügt es nicht, neben dem “brummeligen Bonzen” darauf hinzuweisen, dass dieser und auch sein Kabinett korrupt sind? Offenbar nicht, also hält “der Z***” her. Der “Z***baron” wohlgemerkt. In einem etablierten deutschen Medium wird im 21. Jahrhundert ein ethnisches Attribut verwendet, um eine verwerfliche Eigenschaft zu beschreiben. Bei anderen ethnischen Gruppen wäre dies tabu, die “Z***” hingegen sind wohl noch uneingeschränkt zur Negativ-Bebilderung “nutzbar”.

Dass dann von “cleveren KP-Ideologen” mit ihrer “Taschenspieler-Art” die Rede ist, gehört ins selbe Bild. Das Bild von der Republik Moldau. Ein Bild.


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Signal, 25.4.2009

Kurzfilme in Timişoara, eine Neurscheinung von Andrei Oişteanu und ein Diskussionsabend in Berlin


Die Rubrik “Infos” wurde aufgelöst. Stattdessen erscheinen Kurzhinweise ab sofort nicht mehr separat, sondern sie werden unter der Überschrift Signal in die Artikel-Erscheinungen eingereiht. (Das alles kann per RSS-Feed abonniert werden.)

Die unregelmäßig auftauchenden Signale werden auf künstlerische, wissenschaftliche, mediale oder anders kategorisierbare Ereignisse und Vorkommnisse hinweisen.

Das heutige, erste Signal ist dreiteilig mit Anhang. Es erreicht uns aus Berlin, Timişoara, einer Lincoln-Bukarest Verbindung und durch die Ultra-Kurzwelle.

Podiumsdiskussion am 27.4.09 in Berlin: “Die rumänische Sprache: Herkunft, Entwicklung, Verbreitung – traditionelle und moderne Sichten, Kontroversen und Instrumentalisierungen”. Rumänisches Kulturinstitut Berlin und Deutsch-Rumänische Gesellschaft laden zu einer Podiumsdiskussion zwischen Larisa Schippel (Berlin) und Wolfgang Dahmen (Jena) über “eine der interessantesten romanischen Sprachen” ein.

Neurerscheinung von Andrei Oişteanu: Inventing the Jew – Antisemitic Stereotypes in Romanian and Other Central-East European Cultures, University of Nebraska Press, Lincoln 2009. Von ihm erschien in deutscher Sprache zuletzt Das Bild des Juden in der rumänischen Volkskultur. Informationen und Kommentare zu der Neuerscheinung sowie ein Auszug sind in englischer Sprache auf der Verlags-Homepage zu finden.

Kurzfilmfestival vom 6.-10.5.09: Timishort Filmfestival in Timişoara. Und zwar zum ersten Mal, also sicherlich empfehlenswert – u.a. mit dem Film “The Sea” von dem Berliner Schweden Jöns Jönsson. Mehr: Rumänisch bei hotnews und Englisch auf der Veranstalter-Homepage.

PS: Bei D-Radio Kultur gab es am Donnerstag eine 3-minütige Audio-Notiz zu den moldauischen bzw. rumänischen Ereignissen der letzten Tage, hier nachlesbar.

EU will keine Moldauer

Die Sorgen der EU: zuerst über die Entwicklungen in der Republik Moldau – und nun darüber, dass Rumänien Moldauer einbürgern will


Während sich die Sorgen der EU, Rumäniens und protestierender Moldauer gestern noch deckten (Verunsicherung in Moldova), scheint Rumäniens Vorhaben, Moldauer einzubürgern nicht gerade auf Begeisterung bei der EU zu stoßen. Die Europäische Kommission zeigte sich wohl “besorgt” – nein sogar “dismayed” und “appalled” über Rumäniens Gesetzesinitiative, so EUobserver.com auf Englisch (in der Rep. Moldau leben weniger Menschen als in Berlin, das rum. Gesetz würde nur für einen Bruchteil von ihnen gelten). Eingebürgerte Moldauer würden dadurch nämlich EU-Bürger werden und kämen in den Genuss der freien Wahl ihres Aufenthaltsortes innerhalb der EU. Offenbar will man aber in der EU keine Moldauer.

Auf der Seite des rumänischen Außenministeriums ist von der Verstimmung noch nichts zu lesen, stattdessen gibt es die schön klingende Meldung, dass sich Rumäniens Außenminister Cristian Diaconescu und EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering gestern in Brüssel trafen, um ihre gemeinsame Besorgnis über die Entwicklungen in Moldova zu bekunden und Rumänien mit der EU als “politische Familie” zu bezeichnen (auf Rumänisch). Dazu gehört die Republik Moldau vorerst noch nicht. Man erwarte von dem Staat aber die Einhaltung europäischer Werte.

Das “Informationsnetzwerk” EurActiv weist auf “die rumänische Presse” hin, die Zurückhaltung in den europäischen Hauptstädten vorhersagt, da die Einbürgerung “in einer weiteren Einwanderungswelle von Millionen hungrigen, neuen EU-Bürgern enden könnte” (auf deutsch). Der Satz erhält keine Einordnung und steht dort ohne Anführungszeichen oder Quellenangabe, wodurch nicht ganz ersichtlich ist, von wem das Bild der “hungrigen Moldauer” eigentlich stammt.

Bei Kooperationsabkommen mit Nicht-EU-Staaten wird generell von den EU-Anwärtern verlangt, dass diese ihre Grenzen zoll- und visafrei passierbar machen, während das umgekehrt nicht der Fall ist.

Eine Überraschung dürfte es nicht sein, wenn heute die Wahlergebnisse nach der Neuauszählung bekanntgegeben werden, die ITAR TASS bereits kennen will und als Bestätigung des ursprünglichen Ergebnisses angibt (auf Englisch).

Erste Selbstkritik ist aus dem moldauischen Parlament zu hören, in dem von offizieller Seite das gewaltvolle Vorgehen der Polizei als ungerechtfertigt eingestanden wurde (auf Rumänisch).

Einer anderen Meldung zufolge haben zwei OSZE-Beobachter, die anonym bleiben möchten, vom “totalen Chaos” bei den Stimmenauszählungen in Moldova am 5. April berichtet (auf Rumänisch). Damit weichen sie von bisherigen Aussagen der OSZE ab, die die Wahlen als “allgemein demokratisch” betitelt.


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Verunsicherung in Moldova

Die Zivilgesellschaft in der Republik Moldau fürchtet zunehmend um ihre Freiheiten


Die Kritik an den autoritären Gebärden moldauischer Behörden gegenüber Protestierenden nimmt nicht ab. Während die Neuauszählung der Wählerstimmen begonnen hat, fordert die Opposition die Herausgabe der Wählerlisten. Nur so wäre der Nachweis flächendeckender Wahlfälschung durch mehrfache Stimmabgabe u.ä. zu erbringen, die bisher partiell festgestellt wurde. Die Regierung ist dagegen und bleibt bei der einfachen Neuauszählung der Stimmen.

Die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti postet die Ansichten des Vizedirektors vom “Institut für GUS-Staaten” zu den Ereignissen in Moldova (auf deutsch).

So gelassen wie dieser sehen es viele politische Moldauer nicht. Sie betrachten ihre Regierung als unberechenbar und haben das Gefühl, sich auf dem Weg in eine Diktatur zu befinden. Internationale Pressevereinigungen unterzeichneten ein vom Moldauischen Unabhängigen Journalistenverband verfasstes Protestschreiben gegen die Unterdrückung der Pressefreiheit in Moldova (auf Englisch). Heute erschien, ebenso vom Centrul Independent de Jurnalism, die Ergebniszusammenfassung einer Analyse, der zufolge die Proteste im moldauischen Staatsfernsehen nur einseitig aus der Perspektive der Regierung dargestellt wurden (auf Rumänisch).

Der Generalsekretär des Europarats Terry Davis äußerte sich in Anbetracht der Inhaftierung von Kindern und der Einschränkung der Pressefreiheit in der Republik Moldau sehr besorgt.

Heute wurden laut einer Pressemeldung sechs moldauische Botschafter aus europäischen Ländern nach Chişinău bestellt. Auch Rumänien arbeitet an diplomatischen Erneuerungen und ändert einer heutigen Meldung nach gerade ein Verfassungsgesetz dahingehend, dass moldauische Staatsbürger einfacher die rumänische Staatsbürgerschaft erhalten (auf Rumänisch).


deutschsprachiger Blog zu den Ereignissen in Moldova und
auch ein Mitarbeiter des European Council on Foreign Relations bloggt über die Ereignisse
andere Artikel über Moldova

Allergisch auf Kritik und Proteste

Das harte Vorgehen gegen als Gewalttäter diskreditierte Demonstranten ist kein Ostblock-Phänomen


Für eine Auseinandersetzung mit den jüngsten Ereignissen in Chişinău lohnt es, den als Konflikt zwischen Opposition und Regierungspartei (zwischen Liberalen und Kommunisten) definierten Streit einmal im europäischen Verhältnis zu betrachten.

Es existieren scheinbar zwei klar definierte Konfliktparteien: Vladimir Voronin mit der “Partei der Kommunisten” auf der einen und die “liberalen” und “demokratischen” Parteien auf der anderen Seite. Das ist der klassische Post-89er-Konflikt in einem vormaligen Sowjetstaat, in dem es nun eine Frage der Zeit wäre, bis die “alten Kräfte” abgelöst würden. In diesem Kontext ist auch die deutsche Medienberichterstattung zu sehen, die die Parlamentswahlen in dem europäischen Land weitgehend (bis auf wenige Ausnahmen) ignorierte, um dann zwei Tage später in großem Maße zu berichten, als sich Überschriften mit Worten wie “Krawalle”, “Gewalt”, “blutig”, “oppositionelle Proteste” etc. formulieren ließen.

Ansonsten ist die Ereignislage für deutsche Medien in Moldova ziemlich unspektakulär. Bei der sich “Kommunisten” nennenden Regierungspartei ist keine eindeutig pro- oder anti-europäische Haltung erkennbar. Auf der einen Seite ist Moldova (im Gegensatz zu Georgien und Ukraine) bekennendes Mitglied der GUS und auf der anderen Seite gibt es das EU-Kooperationsabkommen sowie die Mitgliedschaft im NATO-Programm “Partnerschaft für den Frieden”. Diese zweiseitige Ausrichtung veranschaulicht die historisch bedingte Selbstverortung der modernen Republik Moldau.

Die Frage ist doch, ob die Zugehörigkeit des Landes Moldova zu zwei politischen Sphären zwangläufig als eine Konfrontation gedeutet werden muss – warum denn nicht als Bereicherung? War der Mauerfall nun der Beginn einer “Wiedervereinigung” Europas oder nur die Verschiebung der westlichen Sphäre nach Osten?

Die Menschen, die momentan in Chişinău demonstrieren, verbinden mit der “kommunistischen” Regierung einen autoritären Apparat aus der Vergangenheit, und dennoch ist Moldova weder Russland noch Belarus. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 hat sich die Situation für die Moldauer nicht zum Besseren entwickelt (viele suchen außerhalb ihr Glück), aber die moldauischen Kommunisten unterwerfen sich den Gesetzen der Marktwirtschaft, wie jede europäische Partei. Vladimir Voronin ist ein kalkulierender Politiker, der ohne Angst, wahrscheinlich sogar gern, eine Zeitung wie die spanische El País für ein Exklusiv-Interview zu sich einlädt. Die Vorwürfe, die er sich für seine Politik machen lassen muss, sind jedenfalls nicht damit zu erklären, dass er sich als einen “Kommunisten” bezeichnet.

Das übliche Kommunisten-vs.-Demokraten-Schema eignet sich nicht für den Konflikt in Chişinău. Hier stehen sich zwei Gruppen gegenüber, von denen die eine am politischen und individuellen Machterhalt interessiert ist und die andere den Anspruch auf diese Macht zur Geltung bringen möchte. Neben üblichen Mitteln des Wahlkampfs wurden seitens der Machtinhaber schmutzige Methoden verwendet, um es den Konkurrenten schwer zu machen (laut offiziellen Beobachtern hielt sich die Menge der schmutzigen Methoden aber in Grenzen). Die von der Opposition bewusst oder unbewusst mobilisierten Menschenmassen wurden von Vladimir Voronin, mit etwas Kosmetik angereichert, zum “Versuch eines Staatsstreichs” hochstilisiert und so schaffte es die Republik dann doch noch in die Tagesschau. Hier funktionierte ein Mechanismus, der an das Bündnis der Medien mit der Gewalt erinnert. Vladimir Voronin hat die OSZE als Bürge für seinen Wahlerfolg, während die Opposition als gewalttätig diskreditiert werden soll.

Es braucht nicht bei Putin nach einer möglichen Vorlage für Voronins Vorgehen gesucht werden, denn es bieten sich Beispiele aus jüngster Vergangenheit in der EU, die dazu dienen könnten. Dies bezieht sich auf ganz konkrete Gesten der Machtdemonstration durch die Regierung Voronins in den letzten 14 Tagen. Derart brutales Vorgehen, willkürliche Verhaftungen und Misshandlungen durch die Polizei sind unentschuldbar und offen anzuklagen. Aber es gibt ganz offensichtlich Parallelen in der Intention, die “öffentliche Ordnung” wiederherzustellen, wie sie im Falle des brutalen Vorgehens der Polizei in Genua 2001 existierte – und mit einem umstrittenen Gerichtsurteil endete. Eine weitere Erinnerung drängt sich mit der Behandlung von Demonstranten durch die deutsche Polizei in Heiligendamm auf, bei der auch nicht immer die Menschenrechte im Vordergrund standen. Für die Razzien im Vorfeld der Proteste wurde den deutschen Polizisten nachträglich vom Bundesgerichtshof sogar bescheinigt, geltendes Recht verletzt zu haben. Und auch an Rumänien sei erinnert, wo vor einem Jahr vom gewaltvollen Vorgehen der Polizei gegenüber friedlichen NATO-Gegnern die Rede war, die in ihrem Quartier, einer Fabrikhalle, überraschend besucht und (wohlgemerkt unter Ausschluss der Presse) zusammengeschlagen und brutal abtransportiert wurden.

Mag es Zufall sein oder nicht, fast zeitgleich, als das Schengener Abkommen für die deutsch-französische Grenze letzte Woche vorübergehend außer Kraft gesetzt wurde, was tausende friedliche Demonstranten von ihrem Zielort Straßburg abschnitt, wurde friedlichen Demonstranten auf dem Weg nach Chişinău an der rumänisch-moldauischen Grenze die Einreise verwehrt. Und welche Signalwirkung mag es haben, wenn einzelnen Journalisten das kritische Berichten von politischen Versammlungen wie dem NATO-Treffen verwehrt wird?

Es geht nicht um Ost-West, um Kommunist-Demokrat. Es geht um den ganz allgemeinen Grundsatz, dass staatliche Machthaber sich Proteste gefallen lassen müssen – und um deren Sicht auf diesen Grundsatz. Angesichts der Versuche, Unzufriedene und Demonstranten hart zu bekämpfen und zu Gewalttätern zu stilisieren, ist Vladimir Voronins Vorgehen in Chişinău weder speziell kommunistisch noch ostblock-typisch, sondern europäische Gangart. Diese behördlichen Gebärden werden hier wie dort unter derselben Überschrift veranstaltet: “Innere Sicherheit”.


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Weiter Unklarheit in Chişinău

NGOs und Medien zweifeln an Vladimir Voronins Glaubwürdigkeit, dieser sieht die Souveränität des Staates gefährdet


Die Neuauszählung der Wählerstimmen in der Republik Moldau steht fest und ist für den 15. April 2009 angesetzt. Während Opposition und zivile Organisationen der Regierung Wahlfälschung vorwerfen, sprechen internationale Beobachter von einer insgesamt demokratisch verlaufenen Wahl – wie hier ein OSZE-Beobachter im Interview auf deutsch. Für zweifelnde Wähler wurde zwecks Abgabe von Hinweisen auf Wahlfälschungen von Regierungsgegnern eine Internetseite eingerichtet. Sie fordern komplette Neuwahlen statt einer Neuauszählung.

Die gewaltvollen Ausschreitungen in Chişinău am Dienstag (7.4.09) bekommen mit einem jüngst aufgetauchten Video einen neuen Interpretationsrahmen. In dem Amateurfilm ist zu sehen, wie die Personen, die die rumänische und die EU-Flagge während der Eskalationen auf dem Dach des moldauischen Präsidentensitzes hissten, von einem Polizist dabei in Ruhe beobachtet wurden. (Bei DW auf Rumänisch thematisiert.) Demnach wäre diese symbolische anti-moldauische Geste im Einvernehmen mit den Behörden veranstaltet worden, denn niemand von den anderen Demonstranten soll Zugang zu den oberen Etagen gehabt haben. Die Regierung sieht sich nun mit Vorwürfen konfrontiert, sie habe die nationalistisch-rumänische Note der Proteste mit arrangiert, um die Demonstranten in Verruf zu bringen.

Daneben sorgen sich Demonstranten und auch die Presse um die einschüchternden Umgangsweisen ihnen gegenüber durch Polizei und Behörden. Amnesty International kritisiert die unverhältnismäßige Gewaltanwendung der Polizei. Rumänischer und moldauischer Journalisten-Verband richten ihre Appelle an europäische und internationale Institutionen und Medien, das Vorgehen moldauischer Behörden gegen die Meinungs- und Pressefreiheit (Verhaftungen, Ausweisungen, Einschüchterung) zur Kenntnis zu nehmen und bitten um Unterstützung.

Eine EU-Delegation befindet sich laut RIA Novosti bereits in Moldova, um die Lage zu beobachten. Am morgigen Dienstag sollen die Entwicklungen in der Republik Moldau auf EU-Ebene diskutiert werden.

Vladimir Voronin bleibt bei seinen Vorwürfen, der rumänische Staat habe sich geheimdienstlich in die Proteste der Opposition eingemischt bzw. diese initiiert. In einem heute, am Ostermontag online erschienenen Interview in der spanischen Zeitung El País spricht der moldauische Präsident nun auch von serbischen Staatsbürgern, die die Proteste mitgesteuert und -organisiert haben sollen (auf Rumänisch bei DW). In dem Interview betont Vladimir Voronin auch, dass er am Weg der Republik Moldau in die EU festhalten wolle, aber dieser führe “über Brüssel, nicht über Bukarest”.


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“Die Proteste spiegeln vor allem die Stimmung der jungen Generation wider”

Ein Interview mit Julian Gröger, Chişinău


Der Lektor der Robert Bosch Stiftung Julian Gröger steht im täglichen Austausch mit den Menschen in der Republik Moldau, vorwiegend auf Rumänisch, teilweise auf Russisch. Seit eineinhalb Jahren lebt er in der Hauptstadt Chişinău, die in den letzten Tagen international etwas aufmerksamer wahrgenommen wurde, als gewöhnlich.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse schildert Julian Gröger seine Eindrücke von den Hoffnungen, Wünschen und Ängsten der Moldauer.

Seit einigen Tagen gehen in Chişinău Menschen auf die Straße, um gegen das Wahlergebnis zu protestieren. Nach Medienangaben richten sich die Proteste gegen den Wahlsieg der Kommunisten, die das dritte Mal in Folge die Parlamentswahlen gewonnen haben. Kannst du etwas konkretere Angaben über die Unzufriedenheit machen, die in diesen Protesten zum Ausdruck kommt?

Julian Gröger: Viele junge Menschen, etwa auch meine Studenten, haben ihre ganzen Hoffnungen in diese Wahlen gelegt. Sie wollten das Land nicht verlassen, sondern waren sich sicher, dass im Frühjahr 2009 ein Wechsel stattfinden wird und Moldova einen klaren Kurs in Richtung Europa einschlagen würde. Am Montag hatte ich im Kurs zwei Studentinnen, die zu weinen anfingen. Sie konnten es nicht fassen, dass die Kommunisten ihre Macht sogar noch ausgebaut haben. Die Konsequenz ist bei vielen nun, dass sie dieses Land nun auch verlassen wollen, wie es ja schon ein Großteil der jungen Bildungselite getan hat. Für sie waren diese Versammlungen in den letzten Tagen sehr wichtig, um zu sehen, dass sie mit ihrer Verzweiflung nicht allein sind.

Spiegelt sich deiner Meinung nach die Stimmung aus dem gesamten Land in den Protesten wider?

Julian Gröger: Ich habe mich sehr gewundert, wie wenig im Vorfeld der Wahlen in der Öffentlichkeit, aber auch im Privaten, über Politik diskutiert wurde. Die Proteste spiegeln vor allem die Stimmung der jungen Generation wider, die ihre Zukunft in Europa sieht. Ältere Menschen gab es zwar auch vereinzelt auf der Straße – und viele haben Verständnis, aber gerade diejenigen Moldauer, die kein Rumänisch können, fühlen sich eher angegriffen und halten zum Präsidenten, Vladimir Voronin. Das Land war 1990 gespalten und ich habe die Befürchtung, diese Spaltung wird nun wieder deutlicher.

Welche Hoffnungen, Wünsche und Ängste haben die Menschen, die dort momentan auf die Straße gehen?

Julian Gröger: Die Opposition und eine Studentenvereinigung haben zu Protesten gegen das Wahlergebnis aufgerufen. Mit diesen Protesten kamen noch andere, tiefere Wünsche hoch. Vor dem Regierungsgebäude wurde die rumänische Fahne gehisst. Einige von ihnen träumen wohl von einer Wiedervereinigung mit Rumänien, andere wünschen sich eher ein starkes Moldova in der EU. Sie wünschen sich Reisefreiheit, mehr Chancen und ein höheres Lebensniveau. Außerdem haben sie die alten Kommunisten satt und haben Angst, dass alles nochmal so, mindestens vier Jahre lang, weiter geht. Sie haben Angst, ihre besten Jahre in einem Land zu verbringen, das ihnen wenig Chancen zur persönlichen Entwicklung gibt. Das waren meine Eindrücke.

Und welche Hoffnungen, Wünsche und Ängste haben die Menschen, die die “Partei der Kommunisten” wählten?

Julian Gröger: Das sind wohl am meisten Leute von Dörfern, aus Gagausien oder andere Bevölkerungsteile, die kein Rumänisch beherrschen. Es ging die Angst um, dass bei einem Wahlsieg der Liberalen jeder Rumänisch beherrschen müsse, um eine Arbeit zu bekommen. Diese Wähler wünschen sich Stabilität und haben Angst vor Veränderungen. Natürlich hat auch die Weltwirtschaftskrise die Angst vor Liberalismus bekräftigt. Ich habe nicht den Eindruck, dass diese Wähler den Kommunisten wirklich vertrauen oder hoffen, dass das Leben mit ihrer Hilfe besser wird. Das Ansehen von Politikern in diesem Land ist generell denkbar schlecht. Sie fürchten dieses Schreckgespenst “rumänische Wiedervereinigung” und wünschen sich höhere Renten.

Also gibt es bereits eine Aufspaltung innerhalb der Gesellschaft zwischen Rumänien- versus Russland-orientierten Menschen?

Julian Gröger: Ja, und leider reißen diese Risse gerade wieder weiter auf. Ich merke das an mir selber, wie ich in den letzten Tagen wieder genauer hingehört habe, ob jemand Rumänisch oder Russisch spricht. Leider hat es auch kein Politiker verstanden, diese zwei Lager zu einen und zu sagen, dass Moldova ein zweisprachiges Land ist und dass dies seinen Reiz und seinen Charakter ausmacht. Als der Vladimir Voronin eine Pressekonferenz auf Russisch hielt und ein Journalist ihn bat, auf Rumänisch zu sprechen (was er normalerweise auch tut), da antwortete der Präsident, er spreche kein Rumänisch, sondern nur Moldauisch. Er trifft damit eine Wunde, an der so viele, besonders junge Menschen leiden. Es wurde über Jahrzehnte versucht, eine Fake-Identität aufzubauen. Dass Moldova ein eigenes Staatsgebilde ist und sich auch durchaus auf mehreren Ebenen von Rumänien unterscheidet, stellt in intellektuellen Kreisen kaum jemand in Frage, aber warum kann man es nicht so sagen wie es ist: Es ist mit Rumänisch und Russisch ein zweisprachiges Land, in dem mehrere Volksgruppen friedlich zusammenleben. Das sind Moldauer.

Lässt sich eine Aufspaltung der Gesellschaft auch geografisch erkennen, etwa zwischen Stadt- und Landbevölkerung?

Julian Gröger: Gerade habe ich im Fernsehen gesehen, wie es in Comrat (Hauptstadt der russischsprachigen Gagausen im Süden) und sogar auch in Bălţi (zweitgrößte Stadt, nördlich von Chişinău) pro-kommunistische Demonstrationen gab. Ich habe gerade eher das Gefühl, dass Chişinău eine pro-europäische, liberale Insel ist. Einen großen Unterschied zwischen Land- und Stadtbevölkerung gibt es aber durchaus auch. Auf dem Land ist man es vielleicht einfach noch gewohnt, kommunistisch zu wählen. Dort ist der Altersdurchschnitt wesentlich höher als in Städten und die Abwanderung (“Brain-Drain“) ist dort sehr deutlich spürbar.

Sprechen die Menschen problemlos Russisch und Rumänisch (bzw. “Moldauisch“) oder tendenziell eher nur eine der beiden Sprachen? Also gibt es eine tatsächliche Zweisprachigkeit der Bevölkerung oder nur zwei verschiedensprachige Gesellschaftsgruppen?

Julian Gröger: Die meisten jungen Menschen sind wirklich zweisprachig. Jeder, der Rumänisch als Muttersprache hat, kann auch sehr gut Russisch. Umgekehrt ist es nicht immer so, aber meistens. Etwas anders ist es bei den Älteren, die bis 1990 nur Russisch brauchten und auch bis heute kein Rumänisch gelernt haben. Einen Vorwurf kann man ihnen meistens nicht machen. Ich fand es in den letzten eineinhalb Jahre sehr cool, wie die Moldauer mit dieser Situation gelebt haben. Streitereien habe ich selten erlebt. Ich hoffe, diese positive Tendenz zur Zweisprachigkeit wird durch die neuesten Ereignisse nicht gestört.

Welche konkrete Rolle spielt Rumänien für die Menschen in der Republik Moldau?

Julian Gröger: Eigentlich eine sehr geringe. Ich wundere mich auch manchmal, wie wenig präsent die Rumänen hier sind. Internationale Kulturarbeit machen Franzosen, Polen, Deutsche und ein paar andere Staaten, aber Rumänien ist hier wenig sichtbar, auch was Programme für Studenten angeht. Bukarest ist für die meisten so, wie Moskau oder Rom, ein anderer Ort, an dem man arbeiten und mehr Geld als in Chişinău verdienen kann – mehr nicht.

Und welche Rolle spielt Rumänien für die moldauische Politik?

Julian Gröger: Der liberale Bürgermeister, der vor zwei Jahren gewählt wurde, sucht die Nähe zu rumänischen Politikern, die der Präsident tunlichst vermeidet. So kommt es zu den Situationen, dass vom Bürgermeister eingeladene, rumänische Politiker an der Grenze zu Moldova auf Order der Kommunisten nicht ins Land gelassen werden.

Und welche politische Rolle spielt Russland?

Julian Gröger: Durch das abtrünnige Transnistrien hat Moskau noch einen Daumen auf Moldova. Nur Moskau kann diesen Konflikt wohl lösen, wenn es denn mal will. Der Transnistrien-Konflikt hält Moldova in wirtschaftlicher, aber auch politischer Entwicklung stark zurück. Moldova ist daher auch 20 Jahre nach der Herauslösung aus der SU noch stark abhängig von Moskau – wirtschaftlich und politisch.

In den westlichen Medien heißt es, die Moldauer lehnen mehrheitlich eine einseitig russophile Politik und damit auch die politischen Entwicklungen in Transnistrien ab. Was ist dein Eindruck?

Julian Gröger: Ja, das ist unbedingt richtig. Vor vier Jahren musste Voronin im Wahlkampf starke pro-europäische Zugeständnisse machen, um die Wahl zu gewinnen. Seit dem fährt er einen Zickzack-Kurs. Mit einseitiger, russophiler Politik hätten die Kommunisten wenig Chancen gehabt. Ich habe das Gefühl, dass die große Mehrheit der Bevölkerung eher nach Europa schaut, als nach Russland.

Wie schätzt du die momentane emotionale Stimmung im Land ein? Droht tatsächlich Instabilität?

Julian Gröger: Heute (Mittwoch) bin ich durch die Straßen gelaufen und habe so etwas wie Katerstimmung verspürt. Es fühlt sich wie der Aufräum-Tag nach einem Festival an. Viele sind wohl auch schockiert von den gestrigen Ereignissen und deren Bilder, die das Moldauische Fernsehen nun rauf und runter spielt. Natürlich nutzen die Kommunisten mit ihrem Fernsehsender auch noch mal die Gelegenheit, zu zeigen, was für Randalierer da am Werk waren und lassen so die Opposition sehr schlecht aussehen. Ich habe das Gefühl, der Präsident hat die Bevölkerung heute genügend eingeschüchtert (Schießbefehle, harte Strafen etc.) und ich bin ziemlich sicher, dass sehr bald schon wieder normaler, “kommunistischer” Alltag eintritt. Ich möchte mit den Anführungszeichen betonen, dass die sogenannten Kommunisten natürlichen keine im klassischen Sinne kommunistische Politik machen.

Vielen Dank nach Chişinău an Julian Gröger. Die Fragen stellte Hendrik Kraft.


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Moldawien oder Moldau und deutsche Medien

Von einem plötzlich thematisierten Land, das in der deutschen Presse zwei Namen hat


Jetzt, da es in der Republik Moldau knallt, wird in deutschen Medien nachträglich auch erwähnt, dass in dem EU-Anrainerstaat am letzten Sonntag Parlamentswahlen stattgefunden haben. Die Mehrheit der deutschen Printmedien hatte die Wahlen unter den Tisch fallen lassen, ansonsten berichteten einige Radiosender, wie mdr-Info oder auch die schweizerische NZZ – deutsche Tageszeitungen wie FAZ, FR, Süddeutsche und taz verpassten, vergaßen oder ignorierten diesen Wahltag in einem europäischen Land.

Nach wie vor ist in vielen deutschen Medien (und daran angelehnt auch bei wikipedia) von “Moldawien” die Rede, während dieser Staat offiziell schon lange “Republik Moldau” heißt (NZZ und FAZ sagen Moldau, Spiegel teilweise). Bei der Namenswahl von Staaten in Fremdsprachen werden die Präferenzen der bezeichneten Länder übrigens mit beachtet, die deutsche Bezeichnung ist also im Sinne der Republica Moldova.

Wer nun trotzdem noch zwischen den beiden Namen aussuchen möchte, sollte sich die Herkunft beider deutschsprachiger Bezeichnungen vor Augen führen:

Moldau: Das Problem wird in der Überschneidung mit der Bezeichnung des tschechischen Flusses gesehen. Aber der Begriff bezeichnet auch das historische “Fürstentum Moldau” und hatte sich als solcher spätestens mit der deutschen Übersetzung von Dimitrie Cantemirs “Beschreibung der Moldau” 1771 im deutschsprachigen Raum durchgesetzt. Dieser Begriff bildet als Übersetzung des rumänischen Namens Moldova bis heute die Grundlage für die Bezeichnung der rumänischen Region Moldau und des Staates Republik Moldau.

Moldawien: Dieser Begriff ist der Versuch einer Übersetzung der russischen Bezeichnung “Moldavija”. Das Wort Moldawien als Name verbreitete sich in der deutschen Sprache, als mit dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin die Region Bessarabien (heute in etwa dem Territorium der Republik Moldau entsprechend) von Rumänien an die Sowjets ging. Damit wurde “Moldova” zu “Moldavija” und im Deutschen Moldau zu Moldawien. Während der Zeit Moldovas als Sowjetrepublik war Moldawien die offizielle deutsche Bezeichnung des Staates.

Der Begriff Moldawien ist nicht problematisch, weil er eine Übersetzung aus dem Russischen ist, sondern weil das benannte Land die Bezeichnung “Republik Moldau” nach 1990 selbst mitgewählt hat. Teilweise wird im Deutschen auch der Begriff Moldova verwendet, um dem Problem der Übersetzung aus dem Weg zu gehen.

Bei der Hauptstadt Chişinău ist interessant, dass die russische Bezeichnung Kišinev (Kischinjev) in der deutschen Sprache überhaupt nicht mehr verwendet wird – angelehnt, an die heute in der Republik Moldau übliche Bezeichnung der Stadt. Aber in verschiedenen Fernsehsendungen wird einfach die deutsche Aussprache für den moldauisch/rumänischen Namen verwendet (“Schisinau”) – darum hier einmal die in etwa korrekte Aussprache:
Chişinău = ” Ki-schi-näou “.


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