Monthly Archives: Juni 2011

Signal, 26.6.2011

Migration, Prävention, Diskussion.


Wer außer Sarrazin noch Deutschland abschafft, konnte mir bisher sowieso niemand erklären, die Zahlen der Zuwanderung und Einbürgerung nach Deutschland sinken jedenfalls kontinuierlich. So berichtete Jens Rosbach im DLF Magazin am 23.6.2011 fünfeinhalb Minuten über die Schwindende Lust Deutscher zu werden. (Entkernt: Deutsche Staatsbürgerschaft nicht mehr gefragt. text, flash, →mp3)

Außerdem gab es ein kurzes dRadio-Interview mit Lale Akgün (MdB, SPD) am 25.6.2011, in dem sie anschaulich erklärt, welche Bedeutung sie dem sogenannten Präventionsgipfel von Innenminister Hans-Peter Friedrich beimisst. (→mp3)

TEN YEARS AFTER 9/11, unter dieser Überschrift findet eine internationale Konferenz am 29.6.2011 in Berlin (Passionskirche, Kreuzberg) statt, organisiert vom European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und Amnesty International. Auf vier verschiedenen Panels werden z.B. staatliche Entführungen, Folter, der “Krieg gegen Terror” mit seinen neuen Methoden der Kriegsführung (Drohnen, gezielte Tötungen) und mögliche Zukunftsszenarien thematisiert. Das Programm (deutsch →pdf, english →pdf) und viele weitere Infos gibt es auf der Homepage tenyears.eu.

WANTED: YOUR FILM — for the South-East-European Film Festival in Jena

Call for DVDs


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EN

Cineva dintre Voi/Dumneavoastră este regizoară/regizor unui film (lung-/scurtmetraj, documentar, animat, experimental …)? Acest film doriţi să fie prezentat la un Festival de Film Sud-Est-European în Germania?

Atunci vă poate interesa acest “CALL FOR DVDs” pentru primul festival de film
sud-est-european la oraşul Iena în Turingia (10 – 12 noiembrie 2011).
Pentru detalii uitaţi-vă la afişul în limba engleză (din care e citat şi mai jos).

You are a director of a (long, short, documentary, animation, experimental) film? You want that film to be presented at a South-East-European Film Festival in Germany?

Than You may be interested in that “CALL FOR DVDs” for the first South-East-European Film Festival in the city of Jena in Thuringia (November 10th-12th). For details please have a look into the CFD-announcement.

Quotation from the announcement:

… What do we want?
Our film festival aims to bring – through the medium of art – people from Germany and people from countries of Southeastern Europe together. We want to talk about film and arts as well as about problems, dreams and perspectives of young people from different European countries. And of course: We want to create a space for films that otherwise couldn’t be seen by a German audience.

Who are we?
We are a group of young enthusiastic people dealing with projects in culture and science which are all connected to different aspects of the region of Southeastern Europe.

(Go on reading in the CFD [pdf])

Signal, 23.6.2011

… kurz und knapp


Zu den Vorfällen gegenüber Angehörigen der ungarischen Minderheit in Rumänien gibt es einen guten Überblick mit Hintergründen beim Pester Lloyd: Angriff auf ungarische Minderheit in Rumänien.

Die rassistische Medienberichterstattung über Griechenland wurde bei ZAPP gestern thematisiert: Wie Medien die Griechen zu Idioten machen.

http://www.youtube.com/watch?v=mamPM5q1lDI

Am Samstag (25.6.2011) eröffnet in der Galerie TÄT (Schönhauser Allee 161A) eine sehr empfehlenswerte Ausstellung unter dem Namen ROOM RUMOR. Das dürfte spannender werden als übliche Berliner Vernissagen. Es ist die erste Gemeinschaftsausstellung des jungen Verlags AKV Berlin.

Gewaltprävention im Konjunktiv

Mögliche Mitteilung zum Thema Gewaltprävention


So könnte eine Pressemitteilung einer Bundeskanzlerin (oder eines Bundeskanzlers) ausgesehen haben, die/der sich zum Thema Jugendgewaltprävention an die Öffentlichkeit wandte:

Liebe Presse, liebe Jugendliche,

als Regierungsvorsitzende_r dieser Republik möchte ich offen sein. Mehr noch: In dieser modernen Demokratie möchte ich ein Vorbild sein, das heißt nachvollziehbar, transparent und ehrlich mit mir und meinen Handlungen umgehen, denn wie wir wissen, steht kein Mensch über den Dingen, niemand ist unfehlbar. Der Grund meines Besuches in mehreren Jugendeinrichtungen ist das Thema Gewalt, das uns und die Medien in der letzten Zeit viel beschäftigt. Wenn ich hier vor Ihnen und Euch stehe und diese Einrichtung mit ihrer erfolgreichen Arbeit zur Prävention von Gewalt gutheiße – nein, bewundere – dann fallen mir ganz konkrete Punkte ein, die ich als ehrlicher Mensch zu eben diesem Thema Gewalt loswerden möchte.

Wir verlangen von den Jugendlichen, Ihr Handeln selbstkritisch zu reflektieren. Darum mache ich das auch. Zunächst ein kurzes Zitat:

“Die deutschen Exporte von Kriegswaffen und Rüstungsgütern haben sich in den letzten Jahren verdoppelt. U-Boote und Kriegsschiffe, Kampfjets und Militärhubschrauber, Panzer und Raketenwerfer, Sturmgewehre und Maschinenpistolen, Lizenzen zur Waffenproduktion und ganze Rüstungsfabriken werden weltweit ausgeliefert. Zu den Empfängern zählen auch Diktaturen und autoritäre Regime in Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa, die die Menschenrechte mit Füßen treten. Deutschland ist inzwischen der drittgrößte Rüstungsexporteur weltweit.” (Aktion Aufschrei)


Das heißt mit Gewalt verdienen unser Staat und unsere Wirtschaft Geld, und zwar eine Menge. Das ist natürlich ein Widerspruch, wenn ich Projekte zur Gewaltprävention gutheiße, aber gleichzeitig nicht den massenhaft von Deutschland aus betriebenen Waffenexport kritisiere. Das ist eigentlich sogar heuchlerisch. Wie soll ich den Jugendlichen erklären, dass Gewalt nicht gut ist, während deutsche Topmanager mit Waffenverkäufen reich werden? Lösungsvorschläge gibt es genug, darum werde ich mir statt wie bisher von deutschen Topmanagern zukünftig Beratung und Hilfe zum Beispiel beim deutschen RüstungsinformationsBüro holen.

Ein anderer Punkt sind gezielte Tötungen. Als Anhängerin des Rechtsstaates favorisiere ich für jede einer Straftat beschuldigte Person, egal, um welche Tat es sich dabei handelt, einen rechtsstaatlichen Gerichtsprozess. Ich lehne die Todesstrafe ab und erst recht lehne ich gezielte Tötungsaktionen ab, da ich die Menschenrechte und die Unverletzbarkeit fremden Lebens respektiere. Ein demokratischer Rechtsstaat kann gar nicht anders, als jede_r/m mutmaßlichen Straftäter_in einen Gerichtsprozess zuzugestehen, gerade das ist ja der Unterschied eines Rechtsstaats zu einem autoritär geführten Staat.

In diesem Sinne werden wir, die gewählten Vertreter_innen dieses Landes, Stellung beziehen – gegen Gewalt. Aus falscher Diplomatie heraus bei gezielten Tötungen einfach zu schweigen, das wäre falsch. Gerade beim Thema Gewalt müssen wir hinsehen und den Mund aufmachen. Wer gezielt tötet, wird unseren Protest zu hören bekommen, und zwar nicht zu knapp meine Damen und Herren und liebe Jugendlichen.

Was ich Ihnen und Euch damit sagen will: Sich selbstkritisch mit dem Thema Gewalt auseinanderzusetzen ist nicht einfach, aber es ist es wert. Gerade, wenn ich vor den Jugendlichen als glaubwürdiges Vorbild stehen möchte.

Neuköllner-Roma-Schau bei Spiegel TV

Dem Elend auf der Spur: “Sprecht ihr Deutsch?”


Spiegel TV sendete vor einiger Zeit einen Beitrag von Georg Heil unter dem Titel »Einwanderer-Elend: Die neuen “Gastarbeiter” vom Ost-Balkan«. Die 7:42 Minuten gibt es wahlweise bei Spiegel Online oder bei Youtube zu sehen (die embedd-Funktion ist leider deaktiviert).

Die im Titel versprochene Auseinandersetzung mit “Elend” suchte ich in dem Filmbeitrag vergebens, von Fragen nach den Ursachen ganz zu schweigen. Stattdessen stelle ich mir einmal mehr die Frage, welchen Gesetzmäßigkeiten deutscher Journalismus folgen kann, wenn über Menschen aus den zwei jüngsten EU-Mitgliedsländern berichtet wird.

“Z***folklore, Scheibenputzen oder bloßes Betteln – viele Roma verdienen so auf den Berliner Straßen ihr Geld.”

Diese als Information verpackte vage Vermutung (Welche seriösen Zahlen gibt es und was ist “viele”?) ist die Einleitung, die mit diesen Bildern geschmückt wird:


Screenshots von Spiegel TV Magazin Bericht “Einwanderer Elend…”

Wir sehen gefilmte Menschen, die nicht als Individuen erkennbar sind, sondern nur der symbolartigen Bebilderung dienen. Diese Einstimmung ohne informativen Mehrwert knüpft an verbreitete Ahnungen Vorurteile über Roma an.

Um diese Ahnungen Vorurteile zum Einkommenserwerb der Roma erfolgreich zu multiplizieren, lässt der Beitrag Fakten unter den Tisch fallen. Im Print-Spiegel erschien kurze Zeit vor dem Spiegel-TV-Bericht ein Artikel von Özlem Gezer über die Ausbeutungsverhältnisse auf deutschen Baustellen – mit einer unmissverständlichen Überschrift: Legale Sklaverei (23.05.2011). Warum holte sich Heil für seinen TV-Bericht zum gleichen Thema bei Print-Kollegin Gezer keine Inspiration in Sachen Recherche? Gerade weitere Recherchen wären notwendig, um die Zustände im deutschen Pflegesektor, in der Gastronomie, im Hotel-, Reinigungs- sowie eben im Baugewerbe ans Licht zu holen. Das ließe sich natürlich nicht so leicht auf Neuköllns Straßen abfilmen, wie die symbolisch aneinandergereihten Menschen-Beispiele in dem Spiegel-TV-Beitrag.

Die Neuköllner Behörden hätten “große Mühe, Gesundheitsschutz und Schulpflicht in den Hinterhöfen der Roma-Häuser durchzusetzen”, heißt es weiter. In Anwesenheit des Kamerateams äußert der Neuköllner Stadtrat dann prompt die Idee, den Sperrmüll durch die Müllabfuhr mal beseitigen zu lassen. Warum diese spontane Idee den Behörden nicht schon früher kam, welche Rolle die Hausverwaltung hier spielt oder wie lange die Mülltonnen schon überfüllt sind, wird in dem Beitrag nicht gefragt. Stattdessen wird unspektakulär aussehender Müll als Kulisse unter der Überschrift “Roma-Haus-Hinterhof” spektakulär inszeniert. Die kommentierende Stimme aus dem Off kann überdies mit der Information aufwarten, dass “Mülltrennung” für die “Neu-Einwanderer bislang noch ein Fremdwort” sei. Nicht nur das – die Stimme aus dem Off weiß es sogar für den eigenen Beitrag zu interpretieren, wenn Menschen einfach keine Lust auf ein Kamerateam in ihrem Hinterhof haben:

“Diskussionen über Abfallentsorgung scheitern bereits an der Kontaktaufnahme”


Screenshot von Spiegel TV Magazin Bericht “Einwanderer Elend…”

Aber wenn erwachsene Menschen sich nicht im deutschen Fernsehen vorführen lassen wollen, gibt es andere Möglichkeiten, das journalistische Werk über “Roma-Häuser” mit Bildern zu füllen: “Sprecht ihr Deutsch?”, fragt der interessierte Spiegel-TV-Onkel die anwesenden Kinder. Ja genau, von kleinen Kindern auf einem Berliner Hinterhof sammelt ein deutscher Journalist Informationen zum Thema “Gastarbeiter-Elend”. Ein sensibles Thema braucht eben einen sensiblen Journalisten. Eine Frau, die es offenbar nicht gern sieht, dass die Kinder von unbekannten Erwachsenen gefilmt werden, ruft unzufrieden in den Hof, worauf Spiegel TV mit der Kamera aufs Fenster draufhält – samt Frage an das kleine Mädchen: “Ist das deine Mutter?”. Nicht die gefilmten Menschen, sondern die unverhüllte Respektlosigkeit des Spiegel-TV-Teams ist das eigentliche “Elend” in diesem Bericht.

Danach geht es weiter mit “Besuch von Berliner Beamten”, den “die Hausbewohner vom Balkan regelmäßig” bekämen. Gemeint sind Polizeibeamte, die wegen eines Überfalls ins “Roma-Haus” gerufen worden seien. Alles, was das TV-Team filmen kann, sind Bluttropfen im Hausflur und die Aussage eines “Anwohners” – der nicht weiß, was passiert ist. Für siebeneinhalb Minuten Boulevardfernsehen ist das allemal ausreichend, für einen Spiegel-TV-Bericht über Roma auch. “Kommt sowas öfter vor?” fragt der Journalist. “Das hier die Polizei steht? Ja!” antwortet der “Anwohner”.

Warum die Polizei öfter vor diesem oder anderen Häusern in Neukölln steht, sagt der Anwohner nicht. Das wäre der Moment, in dem Spiegel TV für eine ausgewogene Berichterstattung darauf hinweisen könnte, warum die Polizei in Neukölln auch kommen muss: Zum Beispiel für Ermittlungen der Mordkommission im Falle vorsätzlicher Brandstiftung in einem Neuköllner Mietshaus, in deren Folge eine dreiköpfige Familie aus Bosnien samt Baby ums Leben kam. Oder weil es im Zuge sogenannter “Ausländer-Raus”-Kampagnen Autonomer Nationalisten immer neue Anschläge auf Neuköllner Projekte gibt. Aber diese Gründe, aus denen die Polizei in Neukölln kommen muss, lässt Spiegel TV unerwähnt. Es muss eben Prioritäten geben, wenn mit verallgemeinernden Bezeichnungen wie “Bewohner vom Balkan” und “Roma-Haus” Journalismus gemacht wird.

Für eine Reportage über Roma in einem “Roma-Haus” mit “Kontaktaufnahme”-unwilligen Roma sind auskunftsfreudige “deutsche Nachbarn” wichtig für den Informationswert. Der deutsche Informant spricht gern in die Kamera: Wie groß die Wohnung der Roma ist, wie viele Leute dort leben und lebten, alles, was einen authentischen Elendsbericht über “Gastarbeiter” ausmacht.

Die einzig interessante Aussage, nämlich dass die Roma zwischen 25 und 45€ pro Quadratmeter Miete zahlen würden, nimmt das TV-Team nicht etwa zum Anlass, um sich mal bei der Hausverwaltung nach derart astronomischen Preisen trotz schlechter Müllabfuhr zu erkundigen. Dafür begleitet “Z***folklore” die szenischen Übergänge der Kurzdoku bei Kamerafahrten durch die Karl-Marx-Straße.

Dann kommen die guten Beispiele. Schüler_innen einer Sprachschule dürfen dem Kamerateam auf die Frage antworten, warum sie nach Deutschland gekommen sind. Die Frage dürfte ihnen ja von der Passkontrolle schon bekannt sein. Das Reporterteam war derart beeindruckt von dem Besuch im Neuköllner Deutschkurs, dass es im Kommentar heißt:

“Der Wille zur Integration in die Gesellschaft ist bei den jungen Rumänen bereits ausgeprägt.”


Screenshot von Spiegel TV Magazin Bericht “Einwanderer Elend…”

Die eingangs gezeigte Frau, die sich nicht neben Mülltonnen filmen lassen wollte, wurde als Kommunikationsverweigerin dargestellt, während dann jungen Schüler_innen in einem Deutschkurs der Wille zur Integration attestiert wird. Aus der erhabenen Position hinter der Kamera werden Menschen in deutsche Schwarz-Weiß-Schablonen gepresst, über deren Hintergründe der gesamte Beitrag kein bisschen Information liefert. Diese Menschen werden als symbolische Gruppenvertreter_innen instrumentalisiert, um auf billigste Weise schmutzige Hinterhöfe gegen saubere deutsche Schulen ins Bild zu setzen, um integrationsunwilligen “Balkan-Bewohnern” später “integrationswillige junge Rumänen” gegenüberzustellen.

Als dann ein Bulgare über Lohnbetrug bei türkischen Baufirmen in Berlin berichtet, vergisst Spiegel TV wieder journalistische Ergänzungen: Hinter jedem ausbeutenden ausländischen Subunternehmen muss ein deutscher Konzern als Auftraggeber stehen (weil das gesetzlich vorgeschrieben ist), der davon enorm profitiert. Warum verschweigt Spiegel TV die deutschen Strukturen hinter dem vorgeführten Beispiel von Ausbeutung?

Einen wesentlichen Hinweis zur journalistischen Arbeitsweise in diesem Spiegel-TV-Bericht gibt es am Ende. Wir befinden uns wieder auf dem Hinterhof vom Anfang und hören als Kommentar:

“Einige deutsche Bewohner fühlen sich durch die neuen Nachbarn vor allem im Badespaß gestört.”

Dann sehen wir einen Mann, der in dem Hof erbost einer Badewanne entsteigt. Seine deutlichen Worte lauten allerdings:

“Kamera weg! Nein, ick will nich in’s Fernsehen!”

Dieser Mann fühlt sich in seinem Badespaß keinesfalls von irgendeinem Nachbarn, sondern eindeutig durch das anwesende Kamerateam von Spiegel TV gestört. Das wird dann einfach mit dem Kommentar unterlegt, die “neuen Nachbarn” seien das Ärgernis für den Mann – mit anderen Worten: Die Roma sind schuld. Was nicht passt, wird passend gemacht.

Ein Stimmungsbild zu dem Thema findet sich in den Kommentaren unter der Youtube-Version des Beitrags.


Hinweis: Das dROMa-Blog hat einen kurzen Artikel zu einem britischen Medienprojekt, das für den verbreiteten Rassismus gegenüber Roma in den Medien sensibilisieren will: Auf der Seite jewify.org wird der Begriff “gypsy” oder “traveller” mit “jew” ersetzt. Mehr: Was, wenn sie Jude gesagt hätten?