Monthly Archives: September 2010

Signal, 23.9.2010

Umgang MitMenschen


Andreas Meyer-Feist ließ in seinem Beitrag vom 17.9.2010 im Rahmen der Deutschlandfunk-Sendung “Europa heute” Roma aus Österreich zu Wort kommen (z.B. Harry Stojka und Rudolf Sarközy). Mit Förderung, Unterstützung und insbesondere Anerkennung durch den österreichischen Staat wird die gesellschaftliche Teilhabe der Roma dort ohne Assimilationszwänge offenbar erfolgreich gefördert. (Text & Audio aus dem dRadio-Archiv verschwunden)

Drei Tage später, am 20.9.2010, wurden in der gleichen Sendung “Europa heute” Menschen vorgestellt, die am Flughafen Prishtina mit “Sondermaschinen” ankamen: abgeschobene Roma aus Deutschland. Dirk Auer versuchte die Atmosphäre einzufangen – bei der Ankunft im Kosovo von Menschen, die mit geltendem deutschen Recht aussortiert wurden. (text)

Nächste Woche Donnerstag (30.9.2010) gibt es von Sevasti Trubeta (Ägäis-Universität Mytilene) um 16:15 Uhr einen Vortrag mit dem Titel: Roma-Abschiebungen nach Südosteuropa. Die Grenzen der Europäischen Bürgerschaft. Veranstaltungsort ist die HU Berlin, genauer das Institut für Slawistik (Dorotheenstraße 65, Raum 5.57, 5. Stock). Veranstalterin ist die Südosteuropagesellschaft, Zweigstelle Berlin.

Gefahrentag

Ein Beitrag von Vincent G. aus Silberland


Abgabetermin für das Fach Bildhauerei. Nachdem ich die Grundstrukturen von der Tischlerei in Empfang genommen habe – feststellen müssend, dass meine Vorgaben nicht befolgt wurden – beschäftigte ich mich damit, die restlichen Utensilien zusammenzukaufen und meine Arbeit heute fertig zu stellen.

Das Geld fließt aus meinen Taschen raus, um sich später in eine Kunst umzuwandeln, Kleber, Farben, Druckkosten, Knallfolie, Bohrer und andere Dinge werden im Tausch gegen 100er Scheine erworben. Auf dem Hunderter prangt das Gesicht eines Massenmörders, der durch die “Wüstenkampagne”, einen Vernichtungsfeldzug gegen die Indianer, Berühmtheit erlangte. Den Feldzug finanzierte er durch den Vorverkauf der später von den Ureinwohnern enteigneten Landstücke.

In einem Arbeitsdelirium brachte ich es fertig die Hälfte dessen, was ich mir vorgenommen hatte, zu beenden. Das Zimmer halbzertrümmert hinerlassend fuhr ich mit dem Taxi, um die kleine Vorstellung der Arbeiten zu improvisieren. Ich erhielt die Bestnote, aber die schmeckte nur halb, da ich durch Verspätungen während der Prüfung eine Diskussionseinladung nicht wahrnehmen konnte. Ich wurde eigentlich per Programmheft angekündigt. Nach Hause mit dem ganzen Prüfungskram um später dann noch zur Diskussion zu gelangen.

“Als ich nach Hause kam, stand die Haustür sperrangelweit offen!” sagte mir mein Mitbewohner. (Ich wohne in Constitución, einem, Schilderungen nach, gefährlichen Viertel. Ich hatte das Haus vor etwa drei Stunden verlassen, das heißt, sollte ich der Übeltäter gewesen sein, stand die Tür drei Stunden offen. Kameras und Computer waren aber noch im Haus). Also zur Diskussionsrunde mit Publikum.

Ich setze mich, grüße nett, und versuche in die vorgetragenen Themenfelder einzudringen. Nach ca. 10 min. steht die vor mir sitzende Frau auf. Sie sucht ihre Sachen zusammen und greift unter ihren Sitz, doch da ist nichts. Sie fragt, ob ich ihr Köfferchen gesehen habe, woraufhin ich verneine. Dort ist kein Köfferchen. Sie verlässt halbpanisch den Raum, aber das Köfferchen scheint nicht aufzutauchen. Sie verschwindet. Andere Menschen betreten den Raum und wieder andere verlassen ihn. Der jetzt vor mir sitzende Mann guckt sich nervös um. Schon wieder. Er beugt sich immer wieder nach vorne und guckt auf sein Handy oder kramt in seinem Rucksack. Er ist gut gekleidet. Ah, o.k.! Vor ihm sitzt der Dekan meiner Uni. Die Füße des vor mir Sitzenden strecken sich immer wieder in Richtung Dekan. Wie nervös er ist, für eine doch eher behäbige Veranstaltung! Nach vorne beugen, umgucken und die Hände langsam in Richtung Rucksack des Dekans strecken. Aha, er will also den Rucksack entwenden. Mit den Füßen holt er ihn immer näher an sich heran. Er sieht sich um, ich drehe mich kurz weg. Meine Konzentration ist hin bzw. widmet sich diesem zu auffälligen Verhalten des vor mir Sitzenden. Der Rucksack des Dekans rückt immer näher an ihn heran. Fast, nein der Dekan ergreift den Rucksack und entnimmt eine größere digitale Spiegelreflexkamera, um ein Foto von der Bühne zu schießen. Der vor mir Sitzende simuliert, dass er ein Anruf erhält und verlässt den Saal. Nach 5 min. kehrt er zurück. Wird er es nun schaffen die Kamera zu entwenden? Er ist viel zu auffällig. Mein Dekan ist ein Vogel. Während der Diskussion wurde das Publikum aufgefordert, kleine Zettel mit Diskussionsanregungen in eine Kiste zu werfe. Der erste Zettel wird vorgelesen und es wird nach dem Verfasser ausgerufen: Es ist der Dekan! Dieser lässt es sich natürlich nicht nehmen, gleich mal eine Rede aus der Publikumsreihe zu schwingen um unterschwellig festzustellen, warum er denn nicht auf der Tribüne sitze. Währenddessen ist der Dieb weiterhin damit beschäftigt den Rucksack in Reichweite zu rücken, was zu einem bizarren Schauspiel führt. Während der eine redet und ihm der gesamte Saal die Aufmerksamkeit widmet ist der hinter ihm Sitzende damit beschäftigt, eine möglichst unauffällige Operation durchzuführen. Ich komme nicht um die Fragen herum: Ist der Dieb arm und benötigt den kleinen Diebstahl um seinen Lebensunterhalt zu sichern? Stehe ich auf und sage Bescheid? Was für eine bizarre Szenerie. Alle die neben mir sitzen, nehmen nichts dergleichen wahr. Bilde ich mir alles nur ein?

Eine Freundin setzt sich neben den vermeintlichen Dieb. Ich nähere mich ihr von hinten an und berichte von meinen Beobachtungen. Wir müssen lachen. Die Veranstaltung ist beendet und der zu auffällige Dieb schafft es nicht, die schöne Digitalkamera zu entwenden. Er hat es auch nicht verdient, denn er war viel zu auffällig. Zumindest applaudierte er immer an den Momenten, an denen das Publikum applaudieren sollte.

Andere Sachen sind auch verschwunden.

Krisenhymne von Karpaten-Shakira

Finanzkrisenverarbeitung à la româneşte


Der “Serviciul Român de Comedie” bringt die rumänische “Hymne der Krise”: “KK-Maka” (“caca” = “Kacke” und “maca” ist der Name eines Glücks-/ Kartenspiels, dt./frz. Baccara; Eine mögliche Übersetzung für “KK-Maka” wäre demnach “Kack-Glücksspiel” oder “Scheiß-Roulette” – wahrscheinlicher ist aber, dass es sich bei “maka” nur um ein Reimwort handelt, sodass “caca maka” einfach “volle Scheiße” o.ä. heißen wird [Danke Sorin]). Die Frontsängerin Ramona Hanganu wird in rumänischen Medien bereits als Karpaten-Shakira gehandelt.

Der Text des übernacht sehr beliebt gewordenen rumänischen Liedes wird als “kontrovers” bezeichnet. Um auch dem deutschsprachigen Publikum einen Eindruck zu vermitteln, hier mal Übersetzung & Hinweise:

Criza! KK-Maka (Krise! Kacka Maka) (x4)
În 2006 se cumpărau case, (2006, Häuser wurden gekauft)
Cu buletinul işi lua o plasmă tot cretinul, (jeder Idiot holte sich einen Plasmafernseher auf Kredit)
În 2010 o frecăm la rece, (2010 haben wir ordentlich eingeheizt)
S-a terminat, am consumat, dracul ne-a luat, (Es ist vorbei, wir haben konsumiert, der Teufel hat uns geholt.)
Bugetul e-n găleată, iar ţara-i scufundată, (Das Budget ist im Eimer und das Land ist untergegangen,)

(Refrain:) Ne intrebam de ce-eh-eh criza asta ie-e-e, (Wir fragen uns warum diese Krise)
Mult mai rea, aici la noi (hier bei uns viel schlimmer ist)
Şi Udrea-i din Pleşcoi. (Und warum Udrea aus Pleşcoi ist).
[Elena Udrea ist die Tourismusministerin und Pleşcoi ist ihr Geburtsort, ein kleines Dorf]
Au tăiat salariile, (Die Löhne wurden gestrichen,)
KK-Maka eh eh,
Fără bani n-ai ce să faci: (Ohne Geld kannste nichts machen:)
Ne mutăm în copaci! (Wir ziehen in den Wald!)
Suntem ca maimuţele, (Wir sind wie die Affen,)
KK-Maka eh eh,
Creşte şi inflaţia, (Die Inflation steigt auch)
Exact ca în Africa. (Genau wie in Afrika.) (Refrain Ende)

E jale mare, prin buzunare, (Es ist große Trauer in den Portemonnaies,)
Ponta şi Crin şi-o trag puţin şi urlă tare, (Ponta und Crin stecken ihn sich gegenseitig rein und brüllen laut)
[Victor Ponta ist Vorsitzender der Sozialdemokraten, Crin Antonescu ist Vorsitzender der National-Liberalen]
Base-i cu barca, Boc e cu vaca! (Base[scu] hält’s mit dem Kahn, Boc mit der Kuh!)
[Traian Băsescu ist der Präsident, er war früher Marinesoldat, Emil Boc ist der Premierminister]
Remaniere, nici o plăcere (Kabinettsumbildung, kein Vergnügen)
Doar KK-Maka. (Nur Kacka Maka.)
Toţi o fac pe destepţii, (Alle machen auf klug)
Dar nu sunt decât frecţii. (Aber es gibt nichts als Fiktionen.)

Refrain

(Rap:) Auela majoni, bigi bigi mama, one e to zet,
Akti siki la majoni bigi bigi mama from East to West. Baieţi (… Jungs)
La Palatul Victoria, (Im Victoria-Palast)
[Ehem. "Haus des Volkes", heute Parlamentssitz vor 1990 Außenministerium, später Regierungssitz (danke Sorin)]
vorbim ca în Africa, (sprechen wir wie in Afrika )
asta-i jungla de la noi, (das ist unser Dschungel)
fără lei dar cu mulţi boi. (ohne Lei [Geld/ Löwen] aber mit vielen Ochsen)
[Das Wortspiel funktioniert, da der Leu/ die Lei der Löwe/ die Löwen heißt, was gleichzeitig der Name der rumänischen Währung ist]

Şi au scumpit bananele, le cojim şi asta e, (Auch die Bananen sind teurer geworden, wir schälen sie und das war’s)
Fără bani n-ai ce să faci: (Ohne Geld kannste nichts machen:)
KK-Maka prin copaci! (Kacka-Maka zwischen den Bäumen!)
Urlă ca maimuţele, toate sindicatele. (Es brüllen wie die Affen alle Gewerkschaften.)
Leul nostru-i de belea, (Unser Leu [Löwe/ Währung] bedeutet Schlamassel)
Nu-i rege ca în Africa. (Er ist kein König wie in Afrika.)
Mugetarii, KK-Maka, (Gebrüll, Kacka Maka,)
asta-i jungla de la noi, (das ist unser Dschungel)
fără lei dar cu boi. (ohne Lei [Geld/ Löwen] aber mit Ochsen)
Mugetarii, KK-Maka. (Gebrüll, Kacka Maka,)
Uite şi inflaţia, (Schau, auch die Inflation,)
Exact ca în Africa… (Genau wie in Afrika …) (x3)
Criză ca în Africa. (Krise wie in Afrika.) (x2)

Brücken-Pop

Un duo muzical Româno-Bulgăresc


Viele Länder Südosteuropas sind für die Betonung ihrer nationalen Identität bekannt. Wirtschaftliche Konkurrenz und der Wunsch nach politischer Einflussnahme (nicht zuletzt auch durch die Anreize der EU) lassen viele Länder im Südosten ihre heterogene und gemeinsame kulturelle Vergangenheit ausblenden. Wie dem auch sei, im Bereich der Pop-Musik könnte sich ein gegenläufiger Trend abzeichnen: Der rumänische Musiker und Produzent Costi Ioniţă arbeitet zusammen mit dem bulgarischen Shooting-Star und Model Andrea Teodorova zusammen – und wie es scheint sogar sehr erfolgreich.

Wer kennt einen erfolgreichen Charts-Hit, in dem deutsche und polnische oder deutsche und dänische Textzeilen gemeinsam auftauchen? Für den Austausch von Rumänisch und Bulgarisch gibt es mit dem oben genannten Duo, das unter dem Namen “Sahara” auftritt, mindestens ein erfolgreiches Beispiel.

Achso, und wer die Bilder des folgenden Videos als anstößig empfindet, kann diese ins Verhältnis zu dem sonst als “rückständig” gezeichneten “Balkan”-Klischee setzen. Klar, diese Bilder gibt es im deutschen MTV auch – aber auf den deutsch-türkischen oder deutsch-tschechischen Musiktext dazu warte ich noch …

[01/2012: Hab das Video entfernt, weil es mir aus jetziger Sicht zu sexistisch ist.]