Monthly Archives: Januar 2010

Ans Bein geRöhlt

Der Blogger und der etablierte Journalist


Wolfgang Röhl lässt die Sau raus, zieht ordentlich vom Leder, wie er es bei stern.de sicher nicht darf, womit er bei der Achse des Guten aber genau richtig ist. Stefan Niggemeier, von Röhl nur genannt “Nigge”, ist Ziel der Giftschüsse.

Ach gut, man kann die verdienstvolle Arbeit von Bildblog als “Erbsenzählerei” betiteln – aber diese Zählerei ist sinnvoll, da sonst niemand zählt, wie oft zum Beispiel die dpa Falschmeldungen von Bild zu echten Agenturmeldungen umwandelt. Bildblog kritisiert und enttarnt eben in erster Linie die Erhabenheit des “etablierten Journalismus” – und Wolfgang Röhl ist ein etablierter Journalist. In dieser Position fühlt sich Wolfgang Röhl offenbar von Stefan Niggemeier derart angegriffen, dass er nicht mal mehr dessen Namen im Fließtext ausschreibt, sondern ihn nur noch “Nigge” nennt. Das ist natürlich fieser Journalismus. Genau, wie die abfällige Bemerkung im letzten Absatz über “irgendein Studium”, das der neue Bildblog-Chef Lukas Heinser abgeschlossen haben soll. Sind das etwa Vorurteile aus der Stern-Redaktion? Ach nein – Ach gut – Achse des Guten.

Das aller aller lustigste an Röhls bockigem Anti-Bildblog-Artikel ist aber, dass er eine Reaktion auf einen Artikel ist, der gar nicht bei Bildblog erschien, sondern in Stefan Niggemeiers eigenem Blog. Den vergisst Röhl auch zu erwähnen. (Oder ist das fiese Absicht?) Niggemeier hatte in seinem Beitrag gut nachvollziehbar gezeigt, dass Röhls stern-Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen etwas zahnlos war: Die von Röhl (wiederholt) angeprangerten “ständigen Wiederhohlungen” bei ARD und ZDF stellten sich im Vergleich mit den Privatsendern als relativ unspekakulär heraus. Nur erwähnte Röhl mit keinem Wort, dass seine investigative Weihnachtsfeiertags-Entdeckung ein Problem der gesamten Fernsehlandschaft ist. Röhls Artikel hinterlässt hingegen den Eindruck, das Wiederholungs-Phänomen sei ein typisches öffentlich-rechtliches. Der stern-Autor schmückt seinen Artikel auch mit Sätzen wie “Ja, denkste.”

Bei der Achse des Guten schreibt Röhl ein bisschen seriöser – und bezeichnet die Bildzeitung als “Drecksblatt”.

Signal, 22.1.2010

Film und Realität


In einem Beitrag in der Frankfurter Rundschau (online) am 19.1. wies Ernest Wichner auf ein frisch erschienenes Buch über Siegfried Jägendorf, “Rumäniens Schindler”, hin: Der Wundertäter von Moghilev.

Ebenfalls am 19.1. gab es im dROMa-Blog eine Meldung samt weiterführenden Informationen und Links zur italienischen Minderheitenpolitik: Größte Roma-Siedlung Italiens wird abgerissen.

Im Nachrichtenportal npr widmete sich Howie Movshovitz am 11.1. dem rumänischen Regisseur Corneliu Porumboiu (Poliţist, adj., A fost sau n-a fost) und dessen Gedanken über seine Arbeit: In Romania, A Quest For Clarity Between The Lines.

Broders Wir-Gut-Die-Böse-Bausatz

Eene meene Muh.


Wolfgang Benz und seine inzwischen alte Position zum Vergleich von Islamophobie und Antisemitismus gefällt Henryk M. Broder nicht. Anstelle einer Diskussion legt Broder einfach ein Gesetz fest: Die Ursache des Antisemitismus liegt bei den Antisemiten, aber die Quelle der Islamfeindlichkeit liegt im Islam. So einfach.

Laut Broder “ist der Antisemit sehr wohl in der Lage zu differenzieren, er bestimmt auch, wer ein guter und wer ein schlechter Jude ist.” Stimmt. Und Broder bestimmt, wer ein guter und wer ein schlechter Mensch ist. Muslime sind schlechte Menschen und Islamfeindlichkeit ist eine Erfindung.

Das praktische an Broders Bausatz ist, dass er für jede beliebige Gruppe der Welt funktioniert: Die Einschätzungen der Anderen über die eigene Gruppe enttarnt man problemlos als Stereotype (wir sind die Guten) – während die eigene Einschätzung der anderen Gruppe auf der knallharten Realität basiert (die Anderen sind wirklich schlecht).

Und raus bist du.


update:
Gute, sehr detaillierte und lange Analyse der Broder-Benz-Diskussion im Kruppzeuch-Blog.

Z***baron, Judenzins und N***kuss

Für den Deutschen Presserat ist die Bezeichnung “Z***baron” nicht diskriminierend, sondern ein “musikhistorisch-literarischer Vergleich”.


In Uwe Klußmanns Artikel zur politischen Lage in der Republik Moldova vom April 2009, Europas Armenhaus wird zwischen Ost und West zerrieben, war mir die Verwendung rassistischer Stereotype unangenehm aufgestoßen (Medien machen Moldau). Im Zusammenhang mit der Korruption des “Familienclans um den Präsidenten Wladimir Woronin” vergleicht er diesen mit einem “Z***baron”. Begriffe wie “Woronin-Clan”, “clevere KP-Ideologen” und ihre “Taschenspieler-Art” bestimmen die persönliche Note Klußmanns zur Beschreibung der politischen Lage in Moldova.


Screenshot von: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,619586,00.html


Insbesondere die Bezeichnung “Z***baron” trägt in dem Zusammenhang eine rassistische Konotation. Die von Klußmann aufgeführten negativen Eigenschaften Woronins (Misswirtschaft, Korruption, Clanstruktur, Bonzentum) werden mit einem ethnischen Attribut versehen. Wohlgemerkt geht es gar nicht um Roma in dem Artikel, sondern um einen Menschen, der als schlecht dargestellt werden soll – hierfür appelliert Klußmann mit dem Begriff “Z***” an die beim Leser vermuteten Vorurteile. (Ein Franzosenbaron oder Schwedenkönig etwa würde die erwarteten Assoziationen nicht erbringen).

Der Deutsche Presserat, die moralische Hüterin journalistischer Standards in Deutschland, ist anderer Meinung. Im Antwortschreiben auf meine Beschwerde zum Klußmann-Artikel heißt es:

“Der Autor verwendet einen musikhistorisch-literarischen Vergleich: Der amtierende Präsident Wladimir Woronin als “Z***baron”. Der Vergleich mag unglücklich gewesen sein, eine Herabsetzung aller mit “Z***” umschriebenen Angehörigen der Gruppe der Roma enthält er allerdings nicht.”

Die “musikhistorisch-literarische” Aufladung des “Z***baron”-Vergleichs ergibt sich für den Presserat scheinbar aus der gleichnamigen Strauss-Operette. Dass die Verwendung des Begriffs dadurch weniger rassistisch wird, glaube ich nicht. Im Gegenteil: Brigitte Mihok und Peter Widmann beschäftigen sich mit den fest etablierten, traditionellen Vorurteilen gegenüber “Z***”. Diese Geschichte eines europäischen Rassismus ist weit mehr als nur “unglücklich”

Weil ein rassistisches Stereotyp eine literarische oder “musikhistorische” Tradition hat, ist es keinesfalls weniger rassistisch. Oder würde man bei Spiegel-TV “Zehn Kleine N****” als Vergleich für irgendeine Situation heranziehen, nur weil es ein traditionelles Lied ist?

Der N***kuss ist aus den Läden verschwunden. Die Z***sauce noch nicht. In diesem Sinne repräsentiert der Presserat den gegenwärtigen Umgang mit rassistischer Bildsprache.

Würden Begriffe wie “Judenzins” und “Wucherer” in einem antisemitischen Artikel zur Finanzkrise vom Presserat gerügt werden? Oder rassistische Begriffe wie “Kanakenbande” und “N***kriminalität”, wenn es um Polizeistatistiken geht? Sicherlich, denn diese Begriffe geben Problemen eine unberechtigte ethnische Dimension: Sie lassen Zusammenhänge zwischen Banken und Juden oder Kriminalität und “Ausländern” als zwangsläufig erscheinen und reduzieren die bezeichneten Gruppen auf negative Zusammenhänge. Entsprechendes Vokabular ist darum zurecht geächtet.

Aber der Z***baron zur Veranschaulichung von Clan-Korruption? Da blicken wir auf eine musikhistorische, literarische Tradition zurück, die so schnell nicht zerstört werden soll.


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