Signal, 31.5.2009

Ein Musikgymnasium in Varna, ungekannte historische rumänische Filme und Erinnerung an eine pfingstliche „Ausschüttung der besonderen Art“ vor 10 Jahren im serbischen Dorf Varvarin können wahrgenommen werden:


Der Alltag aus einem bulgarischen Musikgymnasium erreicht uns per Fernsehsignal als Wiederholung einer ZDF-Produktion von 2004. Arte sendet die Reihe Schulgeschichten und am Donnerstag (4.6.2009) wird morgens um 8:40 das Musikgymnasium „Dobri Hristov“ in Varna vorgestellt. Details bei arte.

Das 25. internationale Kurzfilm Festival in Hamburg, das gleich startet (2.6.-8.6. 2009), widmet sein Sonderprogramm dieses Jahr dem rumänischen (insbesondere historischen) Film und will damit „eine Dokumentarfilm-Avantgarde sichtbar machen“. Zum Sonderprogramm auf der Homepage.

Der Gymnasiallehrer Michael Felten erinnerte vorgestern im Politischen Feuilleton unter dem Titel Pfingstpassion an die serbischen Pfingsten vor 10 Jahren, wo zur Zeit, die als „Ausschüttung des Heiligen Geistes“ gesehen wird, die NATO über dem Dorf Varvarin ihre Bomben ausschüttete. Der Text ist eine kritische Mahnung zu einem hier fast vergessenen Thema und einer vergessenen europäischen Region. Er kann nachgelesen oder nachgehört (→mp3) werden.

„Z***“ holt UEFA-Pokal

Einmal mehr – hält „der Z***“ her.


Einige europäische Journalisten nutzen für die „Belebung“ der Sprache, insbesondere bei der Beschreibung anderer Menschen, ausgewählte Elemente einer Bildsprache, die an die alten, rassistischen Stereotype vergangener Jahrhunderte erinnert. Uwe Klußmann konnte es sich nicht verkneifen, den moldauischen Präsidenten Voronin mit einem „Z***baron“ zu vergleichen, um die „Clan“-artigen Verstrickungen und die Korruption ein bisschen ethnisch zu bebildern (Medien machen Moldau) und jetzt haut Michele Brambilla in der Sportredaktion des italienischen Il Giornale in die gleiche Kerbe:

„Mircea Lucescu, der 64jährige rumänische Z*** von der Reservebank, nimmt den Pokal mit nach Hause: Schachtar Donezk schlägt Werder Bremen und gewinnt den letzten UEFA-Cup.“

Weniger aufsehenerregend wäre der italienische Artikel (Coppa Uefa Lucescu porta lo Shaktar alla prima vittoria europea), wenn Mircea Lucescu tatsächlich ein Rom wäre. Denn dann ginge es „nur“ darum, ob er sich gefallen lassen möchte, von anderen als „Z***“ bezeichnet zu werden – da das aber nicht der Fall ist, geht es darum, dass die Bezeichnung „Z***“ einen konkreten Zweck erfüllt: Genau wie beim „Z***baron“ von Klußmann soll „der Z*** von der Reservebank“ Assoziationen beim Leser wecken, die allgemein beim Begriff „Z***“ vom Leser erwartet werden. Im Falle Lucescus wird darauf angespielt, dass dieser als Trainer mehrmals die Clubs wechselte und nun den Pokal „mit nach Hause nimmt“. Beide Artikelschreiber scheinen sich auf den rassistischen Instinkt ihrer Leser im Zusammenhang mit dem Wort „Z***“ zu verlassen, oder sind vielleicht gar mitverantwortlich, dass dieser erst animiert wird.

Screenshot Johann Heinrich Zedlers Universallexicon/ Wikipedia (gemeinfrei)

Das rumänische Nachrichtenportal hotnews.ro berichtet von der Empörung, die die Bezeichnung „Z***“ für Lucescu unter den Lesern des italienischen Blattes auslöste, sowie von einem Offenen Brief der rumänischen Botschaft an die Zeitung. Für dieses offizielle rumänische Schreiben, in dem die rassistische und xenophobe Konnotation der Formulierung kritisiert wird, hat Michele Brambilla nach Angaben von hotnews.ro nur Zynismus und Ironie übrig, flankiert seine Sätze mit den Worten „liebe Freunde von der Botschaft“ und verweist reflexartig auf andere, die auch „Z***“ sagen.

Diejenigen, die ihre Sprache mit ethnischen Schubladen schmücken, berufen sich gern auf andere, die das auch tun, betonen ihre stets guten Intentionen und bewerten entgegnete Kritik als übertrieben. Diese Schutzhaltung, aber auch die Ignoranz gegenüber Minderheiten (seien sie ethnischer, religiöser, sexueller oder sonstwelcher Natur), sind symptomatisch für die Tradierung rassistischer und anderer Stereotype. Tabuisierung oder gar Verbote als Reaktionen auf derartige Entgleisungen in europäischen Medien sind Quatsch, stattdessen ist endlich die öffentliche Thematisierung von geduldetem Rassismus gegenüber Roma in der europäischen Presse nötig. Was hier in der Journalistensprache am Beispiel der „Z***“ zutage kommt, sind Mechanismen, die an anderer Stelle in Europa gern als „überwunden“ gefeiert werden.

Der europäische Rassismus ist nicht überwunden, wie der EU-Bericht über die Diskriminierung von Minderheiten kürzlich bewies (Vergessen in Europa). Die Roma brauchen kein Mitleid und keine Bewunderung, sondern Europa braucht eine ernsthafte, intensive Auseinandersetzung mit seiner Geschichte und den gesellschaftlichen Mechanismen der Ausgrenzung und Diskriminierung. Nur so könnte ein allgemeines Bewusstsein für Fälle rassistisch konnotierter Pressesprache entstehen – bis dahin aber muss auch für große europäische Medienhäuser „der Z***“ weiter herhalten.

Signal, 11.5.2009

Den Roma reicht es, einigen serbischen Fabrikarbeitern auch und an der HU ist (die Region) Moldau Thema


„Dosta“ – „Es reicht“, ist das Signal, das eine Kampagne für die europäischen Roma aussendet und dank arte von Bulgarien aus in unsere Fernsehapparate gesendet wird. Die taz sendet Protestsignale verzweifelter serbischer Fabrikarbeiter, die eigentlich für die serbische Regiernug gedacht sind, in die deutsche Druckpresse und an der Humboldt Universität wird die Peripherie Europas, die Region Moldau, ins Licht gerückt.

Dokumentation Die Stadt der Roma von Frédéric Castaignède, am Samstag, 23. Mai 2009 bei arte um 23:05 Uhr. Die Programmankündigung klingt interessant, aber „Dosta“ ist nicht Rumänisch, sondern Romani.

Hungerstreik in Novi Pazar, von dem berichtet Andrej Ivanji in der taz. Die Verzweiflung der Fabrikarbeiter wird symbolisch für die Situation vieler Menschen im Lande beleuchtet. Wenn Arbeiter zu Kannibalen werden

Buchpräsentation und Vortrag am Mittwoch, 13. Mai 2009 um 19:00 im Restaurant „Cum laude“ (Westflügel der Humboldt-Universität): Markus Bauer ist hier zu hören, nämlich unter der Überschrift „Hinter den Karpaten – zur kulturellen Topographie der Moldau“. (Mehr Infos bei der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft Berlin, unter Veranstaltungen.)

Europäische Arroganz

Das zivilisierte Europa und die wilden Beitrittskandidaten – ein Bild von Alois Berger beim Deutschlandfunk


Um Aufmerksamkeit zu bekommen, kann man provozieren. Die Formen journalistischer Provokation mögen vielfältig sein, Alois Berger entschied sich bei seinem politischen Kommentar „In der Warteschleife“ am 4.5.2009 bei Deutschlandfunk für eine bewährte Sportart: Stereotypenreiten.

„Albanien in der Europäischen Union, das ist so etwas wie die Vollendung des europäischen Alptraums.“

Dieser erste Satz verdeutlicht sofort: hier spricht jemand Klartext. Vielleicht ist ja das mitschwingende Bild, dass die EU bereits ohne Albanien ein (wenn auch unvollendeter) Alptraum ist, sogar beabsichtigt. Weiter geht’s mit Bosnien-Herzegowina, Serbien und Mazedonien,

„aber viel besser sieht es dort auch nicht aus. Der ganze Westbalkan ist im Grunde nicht in der Verfassung, dass man sich einen Beitritt wünschen könnte.“

Selbst wenn ich Herrn Berger zustimmen würde, fehlt mir in dem Kommentar die Begründung für seine persönliche Abneigung. Aber der Autor redet lieber nicht über sich selbst, sondern über andere:

„Die EU wird die Länder auf dem Balkan irgendwann aufnehmen müssen, um diese seit Jahrhunderten unruhige Region endlich zu stabilisieren.“

Dieses Bild hängt sicherlich mit dem „Alptraum“ zusammen. Alois Berger sitzt fest im Sattel bei der Neu-Eroberung lange zerlatschter Territorien, wenn er das über 100 Jahre alte Bild des zivilisierten Europas, das den wilden Balkan zähmen muss, hervorkramt. Das Pulverfass. Wer sonst würde für Stabilität in der Welt sorgen, wenn nicht Menschen wie Alois Berger?

Demnach befände sich die EU in der Position eines Erziehungsberechtigten gegenüber den Nicht-EU-Ländern,

„dass es keine Kriege mehr in Europa gibt, keine ethnischen Säuberungen und keine Flüchtlingsströme. Dafür ist sie gegründet worden, dafür brauchen wir sie heute noch.“

Gerade mit Blick auf den Raum Ex-Jugoslawien hat die EU nicht mehr als ihre Unfähigkeit demonstriert. Sollte der Autor hier den Wunsch nach Stabilität und Demokratie-Export durch erzieherische Maßnahmen mit Luftangriffen und Stationierung von Militär implizieren, dann hätte er sich schon im 19. Jahrhundert für den Posten eines „europäischen“ Außenministers bewerben können.

„Natürlich wäre es schöner, in einer kuscheligen EU mit lauter reichen Ländern zu leben, die wir aus dem letzten Urlaub in schönster Erinnerung haben. Aber so ist die Welt halt nicht. Geschichte kann man sich so wenig heraussuchen wie seine Nachbarn.“

Wen der Autor hier mit seinem vermeintlichen Realismus ernüchtern will, ist mir unklar. Was hat Berger sich denn „sonst“ für ein Europa vorgestellt? Und wo macht er Urlaub? Wie grausam ist wohl ein Leben, in dem man sich seine Nachbarn nicht aussuchen kann? Hätte er lieber gar keine Nachbarn?

Aber als Schwarzmaler will Berger nicht gelten:

„Die Kosten sind beherrschbar. Der Beitritt Polens und selbst Rumäniens hat das EU-Budget nicht gesprengt, wie viele Wirtschaftsexperten vorausgesagt hatten. Deutschland zahlt heute ein Prozent des Bruttosozialproduktes nach Brüssel, genau so viel wie vor zehn Jahren auch.“

Und die aufgeblasene Antipathie? Doch nur journalistisches Mittel für möglichst viele nickende Radiozuhörerköpfe?

Zum Schluss deutet Berger noch vage Gründe für seine ablehnende Haltung an, indem er an Korruption und Organisiertes Verbrechen erinnert. Dieser Verweis wirkt wie die bekannte reflexartige Geste zur Ablenkung von eigenen Problemen. Aber das ist ja das Bequeme am Bild der „Anderen“, es dient als Müllkippe für das unreflektierte Bild des „Eigenen“, des „Ich“.

„Die Anderen“ sind korrupt und wir nicht – wollen „die Anderen“ mitmachen, so müssen sie unsere Regeln des fairen Miteinander akzeptieren. Es ist erstaunlich, dass diese plumpe Formel noch immer unkritisch in den Medien reproduziert wird.

„Dabei ist die Sache ganz einfach: Es reicht die Zusicherung, dass alle wirtschaftlichen und politischen Bedingungen für den Betritt erfüllt werden müssen – und zwar ohne Ausnahme. Das gibt den Ländern klare Vorgaben – und uns gibt es ausreichend Zeit, uns an den Gedanken zu gewöhnen, dass in Brüssel eines Tages auch albanische Minister mitreden.“

So einfach. Das Europa des Alois Berger.


Der Kommentar von Alois Berger kann ist nachlesbar.

Pressefreiheit in Rumänien

Im Gegensatz zu Deutschland hört man aus Rumänien zum „Tag der Pressefreiheit“ selbstkritische Töne


Den „Tag der Pressefreiheit“ nahm die rumänische Agenţia de Monitorizare a Presei zum Anlass, ihren knapp 40-seitigen Bericht zur Pressefreiheit in Rumänien 2008 zu veröffentlichen (→pdf: Raport FreeEx, Rumänisch).

Heute erschien dazu beim rumänischen Nachrichtenportal Ziare.com ein Interview mit Mircea Toma, dem Vorsitzenden der Agenţia de Monitorizare a Presei (Mircea Toma: Exista o dictatura a publicului cu un nivel de educatie scazut).

Toma äußert sich zu einigen zentralen Punkten des Berichts. Auf die Frage, ob die Pressefreiheit in Rumänien Fortschritte gemacht hat, antwortet er:

„Die wesentlichste Feststellung im Bericht bezieht sich auf die Geschehnisse, die sich im vorigen Jahr während des NATO-Gipfels abspielten, als die Reaktionen der Ordnungskräfte von einer unvorstellbaren Brutalität waren, die eine schwere Verletzung der grundlegenden Menschenrechte, speziell der Rechte der freien Meinungsäußerung, darstellte.

Bürger Rumäniens und anderer Länder wurden für ihre Gedanken geschlagen und ihrer Freiheit beraubt, weil vermutet wurde, sie könnten ihre Anti-NATO-Botschaften öffentlich äußern. Dieser Umstand ist ein ernsthaftes Signal für die Brüchigkeit der rumänischen Demokratie.“

Toma bemängelt, dass die Reaktionen der rumänischen Behörden auf diese Ausuferungen „gleich null“ gewesen seien.

Einen zweiten besorgniserregenden Punkt sieht Mircea Toma in der Konzentration von wirtschaftlichem, politischem und medialem Einfluss in den Händen einzelner Akteure, die zu Interessenkonflikten führt, wobei er speziell auf die Ereignisse um den Bürgermeister von Constanţa, Radu Mazăre, hinweist. Der Politiker und Medienunternehmer beeinflusse die örtliche Justiz zu seinen Gunsten und setze lokale Medien unter Druck, die kritisch über ihn berichten.

Ansonsten scheinen die Probleme der rumänischen Presse sich weitgehend mit denen in den meisten „west“-europäischen Ländern zu decken:

„Gut bei uns ist, dass keine Journalisten umgebracht werden. Schlecht ist, dass es eine Selbstzensur gibt, die dafür sorgt, dass wir über keine der Firmen schreiben, die ihre Werbung auf den Zeitungsseiten haben.“

Politische Beeinflussung von Medien gäbe es in differenzierter Weise, sie hinge von den einzelnen Redaktionen ab, einige Fernsehsender oder Zeitungen seien aber neutral und unbeeinflussbar. Auch in Rumänien stehen Parlamentswahlen an.

Bezeichnend ist Tomas Antwort auf die Frage nach der Qualität und Glaubwürdigkeit der rumänischen Presse:

„Im Fernsehen wird die rasante Boulevardisierung der Medien erkennbar. Das bedeutet, es gibt eine Art Diktatur der Bevölkerungsschichten mit niedrigerem Bildungsniveau über andere Typen von Publikum.

Dabei geht es nicht um ein Phänomen, das nur die rumänische Presse betrifft, das ist ein internationales Problem. Es entsteht aus der finanziellen Abhängigkeit der Presse von Werbung, also von den Zuschauern.“

Mircea Toma befürchtet die Verdrängung nützlicher Informationen zugunsten einer qualitativ minderwertigen aber umso beliebteren Medienberichterstattung. Dennoch:

„Ich bin optimistisch. Ich erwarte eine Revolution des anspruchsvollen Publikums über die Massenmedien.

Ich bin überzeugt, dass das professionelle Niveau der Journalisten heute wesentlich höher ist, als noch vor zehn Jahren. (…)
Das große Problem der rumänischen Presse ist, dass die professionellen Werte des Journalisten faktisch von den Werten des Marketings überdeckt werden, und nicht, dass die Journalisten dumm sind oder unprofessionell, sondern dass sie akzeptieren, unprofessionell zu werden, entgegen ethischer Prinzipien zu handeln, weil aufgrund zu schwacher Gewerkschaften die Unterstützung fehlt und sie damit institutionellem Druck ausgesetzt sind.“

In den Tagesthemen wurde gestern anlässlich des „Tages der Pressefreiheit“ von unterdrückten Journalisten im Iran berichtet, was zweifellos ein wichtiges Thema ist. In der Tagesschau davor ging es um Journalisten in Afghanistan, Gaza, Italien, China und den USA. Solange es woanders schlimmer ist, braucht man nicht auf sich selbst zu schauen, denn auch in Deutschland wäre eine breite und öffentliche Auseinandersetzung mit der Situation der Presse- und Meinungsfreiheit überfällig, sowohl mit Blick auf marktwirtschaftliche Dominanz als auch in Anbetracht des wachsenden staatlichen Überwachungsinteresses. NATO und G8 sind sicher anregende Stichworte.

In Rumänien ist man da schon weiter.